Unionsverlag 2014
Unionsverlag 2014

Leonardo Padura – Ketzer

 

Das jüdische Kuba und eine Reise durch Jahrhunderte

 

Je weiter der Leser in diesen lebendigen, bildreich verfasste und historisch kundigen Roman vordringt, desto mehr wird das jüdische Leben in Kuba bis zur Revolution, die jüdische Geschichte (gerade die der (oft selbstgewählten) Gettos) in Europa von der Mitte des 17. Jahrhunderts, vor allem aber zu Zeiten des Holocaust, in den Mittelpunkt der Erzählung rücken.

 

Zunächst aber führt Padura mit kräftiger Sprache in das aktuelle Leben in Kuba ein, setzt mit seinem bereits aus vorhergehenden Werken bekannten Protagonisten Mario „El Conde“ Conde das Geschehen der letzten Jahrzehnte „in Person“ in den Raum, zeigt den inzwischen fast mittellosen, aber lebensfreudigen und klugen ehemaligen Polizisten in „seinem Kuba“, dem Conde bis in die letzte Faser seiner Person ergeben. Trotz aller Widrigkeiten.

 

Mitsamt der engen Verbundenheit zu seinem Umfeld, dem Zusammenhalt unter den Armen und Gestrandeten, die en Masse in seiner Umgebung leben, der Trost im billigen Rum, der den Tag überstehen lässt.

 

Um dann langsam überzugleiten in „den Fall“ (den ersten des Buches).

 

Mario Conde wird engagiert, von Elias Kaminsky, Sohn des Daniel Kaminsky, der zu Zeiten des Beginns des dritten Reiches zu seinem Onkel nach Havanna geschickt wurde. Der damals auf seine Eltern und seine Schwester wartet. Passagiere auf der MS St. Louis.

 

Doch warum legt das Schiff, als es eintrifft, weit draußen an und fährt nicht in den Hafen ein?

 

Eines der schrecklichsten und inhumansten Ereignisse jener Zeit ist der historische „Anker“, den Padura u.a. als Aufhänger für seine Geschichte nutzt. Voll mit jüdischen Flüchtlingen, die ein Visum für Kuba erworben hatten, die auf Korruption hereingefallen waren. Flüchtlinge, deren Einreiseerlaubnis widerrufen wird. Wie auch jedes andere „frei“ Land das Schiff abweisen wird, bis die „Fracht“ zurückgebracht wird und damit in der Hölle des Holocaust verschwinden wird.

 

Ein Ereignis, dass Daniel Kaminsky ebenso prägen und von seiner jüdischen Gemeinschaft und, vor allem, dem jüdischen Gott-Glauben entfernen wird, wie jene Geschichten um ein Bild, das im Besitz seiner Familie sein soll und einen echten Rembrandt darstellt.

Eine Vorskizze zu den berühmten Christusdarstellungen aus der Hand des alten Meisters, mit dem es einen besonderen, jüdischen „Hintergrund“ hat.

 

Aber wer ist der „Ketzer“, dem das Buch seinen Titel verdankt? Was ist jener Mord, den Daniel Kaminsky anscheinend begangen hat und an wem? Wie kommt das Bild an den Ort, an dem es vor kurzem aufgetaucht ist?

 

Anhand dieser kriminalistischen Ebene der Geschichte entfaltet Padura einen intensiven Ereignisreigen durch die Jahrhunderte. Spürt Rembrandt, dem Bild und der jüdischen Gemeinde des 17. Jahrhunderts nach und setzt mit der Geschichte Daniel Kaminskys in Kuba und darüber hinaus ein packendes historisches Bild des jüdischen Lebens (nicht nur in Kuba).

 

Dem Drang nach einem „Leben im Getto“, des sich Abscheidens von der „anderen Welt“, der Linie zwischen reichen und armen Juden durch die Zeiten hinweg und der wechselvollen Geschichte Kubas selbst.

Und der „Gegenbewegung“ individuellen Seins (Daniel Kaminsky wird den letzten Rest seiner Traditionen bei der eigenen Hochzeit hinter sich lassen).

Aber auch der Rückkehr, als würde einen die eigene Prägung nie wirklich auslassen.

 

Ein Motiv zwischen Aufbegehren und Teil eines größeren Ganzen sein, dass sich durch die Personen und Zeiten hindurchzieht und manche „Ketzerei“ nach sich zieht.

 

Wie auch der erste „Fall“ der Suche nach dem Hintergrund des Bildes nicht das einzige kriminalistische Element im Buch bleiben wird und sich damit weitere „Lebensebenen“ des modernen Kuba, von Padura flüssig eingefügt, vor die Augen des Lesers gelegt werden.

 

Entwicklungen, die Padura sorgsam und psychologisch intensiv erzählt und die den Leser nahe heran bringen an die handelnden Personen in allen Zeitebenen des Romans.

 

Wobei die historischen Ereignisse (wie die Revolution) eher im Hintergrund mitschwingen und wie nebenbei erwähnt werden, aber in ihren Auswirkungen treffend geschildert sich vorfinden und in der Gegenwart in den handelnden Personen dann in einer plastischen, von klarem Blick und spürbarer Erregung über die Zustände bestimmten Lebensatmosphäre zusammenfließen. Geprägt von einer Art trotziger Resignation, einem nur mehr dahinfließen der Tage, dass dennoch voll brodelnden Lebens steckt und die Frage nach der eigenen Identität am ganz praktischen Leben (und der Liebe) durchdekliniert.

 

Ein faszinierender, mitreißender, in die Tiefe dringender Roman von hoher sprachlicher Qualität, der sowohl in der Geschichte, als auch in den handelnden Personen den Leser in seinen  Bann zieht.


M.Lehmann-Pape 2015