Suhrkamp 2012
Suhrkamp 2012

Lily Brett – Lola Bensky

 

Lebensreise

 

Durch die Jahre und Jahrzehnte des Lebens, durch Dicksein, Dünnsein, Naiv und erfahren sein, durch die Prägung der Vergangenheit der Eltern, durch Beziehungen und Phobien lässt Lily Brett, anhand ihres wohl stark autobiographisch geprägten Alter Egos Lola, den Leser an der Lebensreise einer unkonventionellen, Frau teilnehmen.

Eine Frau auf einer unbenannten, kaum bewussten Suche nach sich selbst.

 

„Lola kannte auch das Gefühl, sich das Recht auf ein eigenes Leben abzusprechen“.

 

Die Lola des Buches ist Australierin und, zunächst in jüngeren Jahren, Kolummnistin für den Bereich der Rock Musik. Später dann wird sie selber Schriftstellerin und wird ganz andere Seiten von sich zeigen und an sich kennenlernen. Seiten, die durchaus zu tun haben werden mit der Vergangenheit der Eltern im Konzentrationslager. Verbindungen, die aber Lola selbst nie ganz so klar und eindeutig vor Augen stehen.

Ein wenig schon wie einen Filter nimmt sie ihre Umwelt, das Geschehen, ihr eigenes Leben wahr. Und zeigt so auf, wie durch die Prägung in den frühen Jahren das gesamte eigene Leben Eigenarten mit auf den Weg bekommt.

 

Dies ist das eigentliche Thema des Buches, das es zu entdecken gilt neben den interessanten, (anders als landläufig bekannt dargestellten) und durchaus wahrscheinlich von Brett viel eher realistisch getroffenen kleinen und großen Prominenten der Rockszene, auf die ihr Alter Ego im Buch trifft. Dass Jimi Hendrix ein sanfter und ruhiger Mensch war, dass Cher erst ein wenig auftauen konnte, wenn Sonny den Raum verlassen hatte, dass The Who einander in herzlicher Abneigung kaum verbunden waren, das Mick Jagger ein ganz solider junger Mann war, das alles ist interessant, unprätentiöse gut geschrieben und teilweise ganz anders im Blick, als es das je öffentliche Image zu Zeiten.

 

Das eigentliche auch an diesen Begegnungen aber ist die Entwicklung der Lola Bensky. Junges, dickes Mädchen, im Kopf ständig mit Kalorienzählen und Diäten beschäftigt und, vor allem, mit dem Herz auf dem rechten, unverfälschten Fleck. Sie lässt sich nicht blenden. Welche Reporterin sonst wäre in der Lage gewesen, einfach Tee bei Mick Jagger mit Paul Mccartney zu trinken eben ohne ein Interview daraus zu machen? Und wahrscheinlich währenddessen mehr daran zu denken, dass sich nicht zuviel Oberschenkelfleisch durch die Netzstrumpfhose drückt.

 

In abgegrenzten Schnitten führt Brett durch dieses Leben und lässt den Leser emotional hinein, ohne psychologische Erklärungen abzugeben. Wie dann die später erwachsene Frau ihre Beziehung verlässt und warum, wie dann die noch ältere Frau als Ehefrau und Mutter wiederum Mühe hat, die Watte der Emotionen zu durchdringen. Wie sich die dann auch schlanke und ranke gestandene Frau immer noch und weiter im inneren Blick auf sich selbst als dick empfindet.

Und zudem, je mehr sie dem Idealbild der Mutter begonnen hat, äußerlich zu entsprechen (dünn sein und noch mal dünn sein) dann mit innern  Phobien zu kämpfen hat.

 

Eine, die das eigentliche und eigene Leben sucht, die deswegen gerne Portraits schrieb, weil sie es mochte, „aus den Einzelteilen eines Lebens ein Ganzes zusammenzusetzen“.

 

So, wie Lily Brett ebenfalls im  Buch selbst aus den vielen Einzelteilen ein Gesamtbild ihrer Protagonistin hervorkommen zu lassen

 

Man selbst sein, unverfälscht und dann im Druck, nicht zu gefallen oder sich so zu formen, dass „man gefällt“, dann aber mit sich selber nicht mehr im Reinen zu sein. Ein spannendes Thema, das Lily Brett einfach und sprachkräftig beschreibt und die Interpretationen dann durchaus  der angeregten Fantasie des Lesers überlässt.

 

M.Lehmann-Pape 2012