C.H.Beck 2015
C.H.Beck 2015

Lily King – Euphoria

 

Wunderbar erzählt

 

Von den ersten Worten an gelingt es Lily King mit fast spielerischer Leichtigkeit, den Leser mitten hinein zu ziehen in die exotische Welt der Handlung, in die beteiligten Personen, die King jeweils kraftvoll ganz eigen skizziert. Mittels ihrer sehr klaren, verständlichen, bildkräftigen Sprache vermittelt King durch kleine Wendungen, einzelne Worte klare Emotionen, Grundhaltungen und zieht den Leser ebenso emotional mit hinein.

 

„An den kleinen Aussetzern zwischen Wahrnehmung und Begreifen merkte sie, dass das Fieber wieder stieg“. Gepaart mit dem Schlafanzug als Kleidung und den kurzen Hinweisen auf Wunden, offenen Stellen, belasteten Gelenken ist umgehend klar und erlebbar, wie es Nell Stone im Augenblick geht. Mitgenommen. Unzufrieden. Krank. Die letzte Zeit als Ethnologin bei einem Stamm, zu dem sie mit ihrem Mann wenig Zugang gefunden hatte, tut ihr Übriges hinzu, um sie nach unten zu ziehen.

 

Das King neben diesen kleinen und treffenden Beschreibungen, so nötig, auch deftig und heftig „zur Sache“ zu kommen versteht, findet sich einige Seiten weiter bei der ersten, völlig unromantischen erotischen Szene, in der ebenso am Rande klar wird, wie wenig Nell´s Mann sich um ihr leibliches Wohlergehen kümmert, als auch, wie direkt Lily King sich den erotischen Seiten des Romans zuzuwenden versteht.

 

Denn neben den vielfachen Eindrücken der Ethnologie und der Atmosphäre der Zeit Anfang der 30 Jahre, wird die Erotik, die Leidenschaft eine große Rolle spielen. Ein zweiter Mann, Konkurrent eigentlich, ebenfalls Ethnologe, der familiär ein hartes Schicksal erlebt hat und der eigenen „dunklen Seite“ sich hier und da ausgeliefert sieht, wird näher bekannt. Mit dem Ehepaar Stone, mit einem leidenschaftlichen Gefühl für Nell.

 

So vermischen sich im Laufe der temporeichen Geschichte exotische Eindrücke, Forscherhingabe und Liebe, erotische Leidenschaft und Gefahr, eine gelangweilte „Gesellschaft“ und der abenteuerliche Ausbruch aus einem solchen Dasein hinein in „unbekanntes Gebiet“, hin zu „Urvölkern“, bei denen der Kannibalismus in Teilen noch recht lebendig ist.

 

Und wenn ein Ethnologe einen Jagdausflug begleitet, wer weiß, was er dann für Erfahrungen gezwungen ist, zu machen?

 

Ein Blick der Ethnologie, den King, auch zu Beginn in einer treffenden und prägnanten Sprache durch die Augen ihrer Protagonistin Nell Stone einfach auf „die Zivilisation“ wirft, nicht die „Schwarzen“, sondern „die Weißen“ mit kühlem wissenschaftlichem Blick in wenigen Zeilen auseinanderbaut.

 

Dieser Blick für das Wesentliche begleitet die Perspektiven, Etappen und Personen des Buches stringent und schafft eine dichte, spürbare, knisternde, Teils auch spannende Atmosphäre, die Abenteuerroman, Liebesgeschichte, (fiktive) Wissenschaftsgeschichte miteinander verbindet, vor allem aber die innere Entwicklung der drei Hauptpersonen auf den Punkt bringt, lebendig hält und nahtlos in die äußeren Ereignisse im Buch einbettet.

 

Bis das der Leser die „Euphoria“ des Forschers, der einen Durchbruch erzielt, ebenso nachvollziehen  kann, wie die „trunkene Euphoria“ des Liebeslebens im Buch.


M.Lehmann-Pape 2015