C.H.Beck 2016
C.H.Beck 2016

Lily King – Vater des Regens

 

Unlösbare Bindungen

 

Daley Amory liebt ihren Vater. Normal, könnte man sagen. Vor allem, weil ihr Vater immer ein Zwinkern vorrätig hält, wie ein Kumpel mit ihr umgeht, in seiner Gegenwart immer was los ist und, als sie elf Jahre alt war (der Zeitpunkt, an dem das Buch beginnt), er noch nicht weiß, was Daley weiß.

 

Das ihre Mutter innerlich auf gepackten Koffern sitzt. Dass die bevorstehende Reise zu den Großeltern bei der Rückkehr dann nicht im elterlichen Haus, sondern in einer neuen Wohnung enden wird.

 

„Beim Autofahren singt er immer. Seine Stimme ist tief und verkratzt vom Rauchen und weil er oft so laut rumschreit“.

 

Nicht, weil der Mann cholerisch wäre, sondern weil er Spaß zu haben gedenkt. Oder, genauer betrachtet, weil er gesehen und gehört werden will. Weil er sich nur merkt, wenn er laut ist. Weil er ein absoluter Narzisst reinster Güte ist, der durch die Augen der anderen, durch die Anerkennung, Bewunderung des Umfeldes seine Lebenskraft versucht, zu finden.

 

Da springt man als erwachsener Mann beim „Wohltätigkeitstag“ der eigenen Ehefrau, die arme Kinder aus der Nachbarschaft in den eigenen Pool und zum Grillen eingeladen hat, auch schon mal splitterfasernackt um den Pool herum.

 

Frei nach dem Spruch, besser einen guten Freund verlieren, als einen Witz zu verpassen.

 

Ein Narzissmus, der jenes knuffen und zwinkern und „Hund kaufen gehen“ immer auch ein stückweit mit manipulativer Absicht vollzieht. Auch was die eigene Familie, die Tochter angeht.

 

Und Daley steht ihm bei. Ist Teil dieses Beziehungsgeflechtes, das ans ich bereits nur schwer zu durchschauen ist. Weil Narzissten so charmant, lustig, nahe rückend sind. Weil sie das Spiel mit der Empathie beherrschen und wissen, was sie und wie sie es tun müssen, damit die anderen entsprechend reagieren.

 

Ein Mann, der in jener „swingenden“ Zeit der 50er Jahre sich beheimatet fühlt, in der das Leben leichtgenommen wird, ein guter Witz die Krone der Unterhaltung darstellte und das „Rat Pack“ auf der Bühne mit dem Whisky in der Hand vorlebte, was man unter Lebensgenuss und Lebensfreude zu verstehen hatte. Als Mann zumindest.

 

Was aber passiert, wenn man als Kind damit aufwächst und auch als erwachsene Frau immer und immer wieder daran festklebt? Spürt, dass das eigene Leben, die eigene, aufgebaute Beziehung an entscheidenden Punkten immer wieder in den Schatten des Vaters gerät und man merkt, dass man sich lösen müsste? Aber auch helfen will?

 

Indem man die eigene Geschichte noch einmal Revue passieren lässt, auf die kleinen Zeichen im Nachgang dann achtet. Und dabei natürlich auch die eigene Geschichte mit den eigenen, kleinen und großen Verletzungen noch einmal vor Augen geführt bekommt.

 

„Die Jungen wollten immer nur sie küssen“. Ihre beste Freundin, Mallory.

Und immer wieder, gerade als Daley beginnt, das eigene, junge, erwachsene Leben anzugehen, taucht da dieser verdeckte Hilferuf des Vaters auf, der sich dramatisch noch steigern wird, der sich mehr und mehr im Lauf der Geschichte auf seine Tochter wie auf eine Krücke stützt.

 

Lily King schreibt mit dichter Atmosphäre und als sehr genaue Beobachterin, die zu differenzieren weiß. Nicht schwarz-weiß Stereotypen bestimmen daher die Gedanken und Handlungen der Personen, sondern die gegenseitige Bindung hinter allen äußerlichen Verhaltensweisen sind es, die King in Dialogen und meisterhaft gestalteten inneren Monologen offenlegt.

 

Bis zu einem Ende, an dem das Schicksal noch mit Hand anlegt.

 

„Das Leben, so unfassbar das manchmal scheint, schlingert weiter“. Dann aber in ganz anderer Form für beide der Hauptpersonen.

 

 

Trotz mancher Längen, eine interessante, genau beobachtete, dichte Lektüre, die den Leser mit hinein nimmt in die tiefen Bindungen, die das Leben letztlich einfach mit der Geburt schon setzt und die den Verlauf des Lebens maßgeblich mitbestimmen, oft auch ob man will oder nicht.

 

M.Lehmann-Pape 2016