Arche 2015
Arche 2015

Linda Benedikt – Der Rest ihres Lebens

 

Intensive Betrachtung schmerzhafter Belanglosigkeit

 

An dem Punkt des Buches, an dem sich Dorothy „Dee“ Fall an die Trennung von ihrem Mann erinnert, diese ohne Punkt und Komma fast noch einmal vor ihren Augen Revue passieren lässt, versteht der Leser Edward, den ehemaligen (offiziell auch noch nicht geschiedenen) Mann durchaus.

 

„Ich mag dich nicht mehr“.

 

Alles inneren Versuche, den Blick ablenken zu lassen, sich eine Geliebte einzureden, das leere Arbeitszimmer des Mannes mit Tand zu füllen helfen Dorothy letztendlich nicht. Auch wenn es ihr gelingt, ihre tiefe Verletzung in einem ständigen Strudel der belanglosen Beobachtungen weitgehend auch vor sich selbst zu verbergen, diese Form der Trennung hatte es ins ich.

 

Weil, und das wird dem Leser Seite für Seite, glänzend sprachlich vermittelt, mehr und mehr klar, dieses „ich mag dich nicht mehr“ auch den Leser beginnt, mit einzufassen.

 

Eine Frau, deren Leben irgendwie verstreicht und die dennoch nicht genügend Kraft in sich aufbringt, sich diesem Verstreichen zu stellen. Mit einem misanthropischen Schutzpanzer versehen gleitet sie durch die Hitzewelle in London.

 

Natürlich treffen die ein- oder anderen Ereignisse. Dass ihr ehemaliger Mann deutlich besser über das Leben der gemeinsamen Kinder informiert ist. Dass ihre „beste Freundin“ Mona, wenn es darauf ankommt, ihr  Ding macht und Dorothy zurückgelassen wird. Dass dieses junge Ehepaar, die neuen Untermieter, einen Hauch von Leben vor Dorothy´s Augen legen.

 

Und umgehend wird alles in einem inneren Schwall der Worte niedergeredet. Zur Seite geschoben. Abgewertet.

 

Und doch ist das Leben nicht im Letzten einsperrbar. Diese Wallungen, wenn der junge Ehemann in sommerlich leichter Kleidung ihre Wohnung betritt. Dieser Neid, aber auch diese Spuren von Vertrautheit mit der jungen, schwangeren Frau. Deutlicher und deutlicher wird ein gewisses „Rest-Zucken“ an innerem Leben, eine Erkenntnis von so viel vertaner, in der Zeit sich verlaufenden Lebens.

 

Wie im überheißen London dieses Monats aus dem Leben der alternden Frau lässt Linda Benedikt auch in Dorothy sich etwas zusammenbrauen. Ein Überdruck der Belanglosigkeit, eine Zucken tief vergrabener Gefühle. Und mit Spannung verfolgt der Leser über die seitenweisen Lebensbetrachtungen und das immense Abschweifen vom Wesentlichen dieser Frau, was sich da aufbaut und fragt sich, ob und wie sich das entladen könnte. Und ob überhaupt eine „Entladung“ stattfinden wird.

 

Sprachlich überaus eingängig und emotional die Tiefen dieser scheinbar „tiefenlosen“ Person erkundend, nimmt Benedikt den Leser mit auf eine teils schmerzhafte, teils abstoßende, teils mit Verständnis gefüllte Reise in das moderne Leben selbst. Denn Dorothy ist bestimmt kein Einzelfall,  nicht alleine im Alter auf ein entleertes Leben blickend, in dem die Blicke eher zur kaputten Glühbirne schweifen als auf sich selbst oder auf den Rest der Menschheit.


M.Lehmann-Pape 2015