Linus Reichlin - Manitoba

 

Der Verlust des „Alten“ und die Suche nach Identität

 

Das ist dieser Sohn des alten Indianers. Der sich ab irgendeinem Zeitpunkt weigerte, die althergebrachte Sprache überhaupt noch zu sprechen. Der konsequent auf der englischen Umgangssprache beharrte, sehr zum Leidwesen seines Vaters und Grund für die ein oder andere Auseinandersetzung.

 

Der dann an einen ganz anderen Ort zog, seinen Namen änderte und jedem, der seine Zahnarztkünste in Anspruch nahm intensiv versicherte, Hawaiianer zu sein.

 

Denn als Indianer hätte er keine Kunden gefunden, als exotischer Nachkomme der Ureinwohner Hawaiis stellt sich dieses Problem nicht.

 

Eine der vielen Geschichten und Eindrücke, die der Ich-Erzähler des Romans, ein leidlich erfolgreicher Autor, auf dem Weg zu den Wurzeln seiner Familiengeschichte zu hören bekommt. Auch er hat eine Geschichte mit seinem Sohn (er würde es nie laut aussprechen, aber dass dieser deutlich erfolgreicher ist als er selbst wurmt seit Langem), mehr aber noch braucht er neuen Stoff, überhaupt eine neue Perspektive in seiner zunehmenden Einsamkeit des Lebens. Und kaum etwas liegt näher, denn ein wohlgehütetes Familiengeheimnis, in das ihn seine Mutter einweihte, ist, dass sein Großvater ein Indianer vom Stamme der Arapaho gewesen sein soll.

 

Aber anders, als er denkt, verläuft diese Reise und andere Wahrheiten als jene, die er glaubt, kommen ans Tageslicht. So wird die ferne Vergangenheit in der Gegenwart ihn ändern (und nicht alles dabei zum Besten geraten), wie die Lebensweise und Gedanken der Vorfahren auch für die im Buch auftretenden „noch echten“ Indianer eher Quelle des Schmerzes denn das Volksstolzes darstellen.

 

„Wäre mein Leben anders verlaufen, wenn ich früher erfahren hätte, was ich jetzt…….weiß? Vielleicht. Jedenfalls wäre mir früher etwas genommen worden, durchaus ein Stück meiner Seele. Es ist also ein Glück, dass ich nicht früher gefahren bin!“.

 

Von Beginn an durchzieht diesen, sprachlich ganz hervorragend zu lesenden, neuen Roman von Linus Reichlin eine Melancholie, eine gedrückte Stimmung, die sich durchgehend durch die Lektüre erhält. Hier sind Menschen, vor allem der suchende Protagonist, auf der Suche nach sich selbst. Stehen „zwischen den Welten“, haben alte Bezüge als nicht tragfähig erlebt und neue Bezüge als „innere Heimat“ seitdem noch nicht wiedergefunden.

Äußerlich auf der Suche nach dem, was Vergangenheit und Gegenwart verbindet, wo doch so abrupte Brüche die Situation kennzeichnen und nach dem, was im eigenen Inneren der rote Faden, die Entwicklungslinie sein könnte bei all den Brüchen, die auch dort das Leben bereits zugefügt hat.

 

„Meine Loyalität gehört zuerst der entfernten Abstammung und dann erst der nahen. Aber warum?“ Warum würde der Autor seine eigentliche Heimat (die Schweiz) sofort gegen die unbekannte, vermeintliche Heimat der Arapaho eintauschen?

 

Ungeklärte Fragen, die lange im dunklen bleiben, von denen nur hier und da Fragmente an Erinnerungen von Reichel eingebracht werden in diesem melancholischen, teils fast depressiv zu nennenden „Road Movie“.

 

Vielleicht liegen in diesen Erinnerungen und Fragmenten die Ursachen für die Herzrhythmusstörungen, an denen der Ich-Erzähler leidet und vielleicht dient das alles ja letztlich nur der Frage, wohin das Herz gehört. Eine Frage, der das offene Ende des Buches in Bezug auf die inneren Abläufe durchaus entsprechen wird.

 

„Für jeden meiner Zweifel gab es eine Entwarnung, nicht aber einen Beweis dafür oder dagegen, und so entstanden mit jeder Entwarnung neue Zweifel“.

 

 

Düster, voller Einsamkeit und Fragen, sinnsuchend und doch auch in Teilen verworren und mit Längen, bietet dieser neue Roman auf jeden Fall in Stil und Sprache ein Lesevergnügen, hat aber auch Längen, die sich eher zäh lesen und bietet letztendlich auch einen Blick auf eine zerrissene Welt im Allgemeinen, die mit ihren Wurzeln zu sehr bricht und damit auch ein stückweit eine wichtige, grundlegende Orientierung verliert. Und damit im eigenen Leben fremd zu werden droht.

 

M.Lehmann-Pape 2016