Piper 2014
Piper 2014

Lionel Shriver – Großer Bruder

 

Überzeugend und ausgereift

 

In bester Weise bindet  Lionel Shriver zentrale Themen in diesem Entwicklungs- und Familienroman, die  in der Summe einen dichten Roman ergeben.

 

Wie steht der Mensch zu seinem Äußeren, wie sehr definiert er sich darüber, über ein „schlank sein“? Das ist das vordergründige Thema der Geschichte und wird sich später in den Motiven der Person des Ehemanns, Fletcher, näher auflösen.

 

Edison, Pandoras Bruder ist unfassbar in die Breite gegangen, Fletcher, Pandoras Mann, ein Fitness und Ernährungsideologe allerschärfster Sorte.

Und Pandora steht mitten dazwischen. Vom Gewicht her und von dem einerseits locker lassen können (was ihr Mann nicht kann) und dem andererseits ihre Zeit durch Arbeit gerne und gut füllen (was Edison nicht kann). Vor allem dazwischen, weil sie Edison nach einem „Stranden im Leben“ bei sich zu Hause aufnimmt.

 

Pandora entscheidet sich, ihrem Bruder zu helfen, auch auf Kosten ihrer Ehe, und geht mit diesem eine radikale Diät an.  Mit Gefahren. Äußeren und Inneren

 

Eine Reflektion einerseits also über das Essen, den Körper, das Fett, die Lionel Shriver in die Tiefe führt. Hier liest der Leser zwischen den Zeilen eine fundamentale Gesellschaftskritik heraus, ein Finger, der sich auf eine Wunde des modernen Lebens legt.

 

„Nicht das Essen selbst war so großartig ----  es gab einfach nichts anderes Großartiges. Essen war im besten Fall so einigermaßen okay, rangierte damit aber noch um Längen vor allem anderen, was weniger okay war“. Hauptsache irgendwas, was die Zeit füllt.

 

Aber dabei bleibt Shriver nicht stehen. Denn nicht ohne Grund verdient Pandora ihr Geld damit, eine Art  „Spiegel“ für andere herzustellen.

Puppen, die markante Sätze wiederholen und somit ein „Konzentrat an Persönlichkeit“ hörbar machen. Was Shriver auf der Ebene der Romanform im Blick auf ihre Protagonisten durchweg in hoher Qualität vollzieht. Was im Buch auch auf Pandora selbst zukommt.

 

Unter anderem, als sie selbst eine Puppe von sich geschenkt bekommt.

 

Denn hinter all dem oberflächlichen Streit über Körperfülle und charakterliche Haltung dahinter sind andere, viel tiefere und grundsätzliche Strömungen erkennbar im Raum.

 

Der Gesundheitsfanatiker Fletcher, der nichts anderes ist als eine „Macht“, die ihre Dominanz über Kontrolle ausübt. Was dem Leser mehr und mehr Beklemmung verursacht.

 

Beklemmung über ein Grundübel menschlichen Seins.

Diesen Drang, sich nach oben zu stellen, sich wichtig zu nehmen und andere nur zum Publikum degradieren zu wollen. Mit hoher Ignoranz und mangelnder Reflexion darüber, dass das, was man als „Richtig“ denkt noch lange nicht die Wahrheit sein muss.

 

Warum aber spielt Pandora dieses Spiel so mit, warum ist es ihr höchstes Ziel als erfolgreiche Unternehmerin, selbst „unsichtbar“ zu bleiben?

 

Eine Frage, die sich ihr auch im Blick auf ihren verehrten Bruder (und Großmaul) Edison stellen wird, der einfach den breitest möglichen Raum im Leben anderer einnimmt, der aus Schutz, Frust und Langeweile in sich hinein schaufelt und zur Empathie kaum fähig erscheint.

 

So wird sich Pandora in diesem Roman entwickeln und entfalten müssen, sich wehren lernen müssen gegen die „engste Familie“, die sie benutzt als Funktion, als Reflexionsfläche, die über sich bestimmen lässt. Erkennen, dass es nicht um eine Entscheidung zwischen Ehemann und Bruder, nicht um das „unverbrüchliche Band des Blutes“ gehen wird, sondern um die Entscheidung für oder gegen sich selbst angesichts ständig an ihr zerrender anderer.

 

Ein Spiegel des Lebens in diesem Roman, den Shriver flüssig und mit sehr differenziert und nahe kommenden Figuren ausgestaltet.

 

Ein Weg, auf dem jede der Personen als Archetyp moderner menschlicher Grundhaltungen völlig von sich überzeugt einen Lebensraum beansprucht, der dann aber, auf den zweiten Blick,  nicht durch Persönlichkeit gefüllt werden kann.

 

Denn genauso krank wie die „Fitnessideologie“ ist die „Fresssucht“, genauso egozentrisch wie der Vater damals sind Ehemann und Bruder heute. Vor allem aber krank ist die Hybris, sich mit „dem eigenen Ding“ einfach auf andere „draufzusetzen“. Die dann brechen, genauso, wie der filigrane Stuhl Fletchers im Buch.

 

Oder werden andere Linien sich zeigen, Einsichten hervorkommen, Änderungen stattfinden?

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre mit einem ernüchternden und ganz anderem als gedachtem Ende.

 

 

M.Lehmann-Pape 2014