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Liv Winterberg – Der Klang der Lüge

 

Flüssige historische Unterhaltung

 

Die Gemeinschaft der „Albigenser“, von ihren Gegnern „Katharer“ genannt, bildet den historischen Grund und den breiteren Rahmen dieses historischen Romans von Liv Winterberg.

 

In einfacher, klarer, flüssiger Sprache setzt Winterberg die junge Frau Alissende in den Mittelpunkt ihrer Erzählung, die im Buch eine Wandlung teils auch gegen ihren Willen zu vollziehen hat.

 

Geht es ihr zunächst nur darum, möglichst überhaupt und, so möglich, sogar gut zu überleben, sieht sie sich im Zuge des „Kreuzzuges gegen die Katharer“ durch den damaligen Papst und die französische Obrigkeit fast von heute auf morgen in der Situation, für die Zurückbleibenden (vornehmlich die Kinder des Dorfes, in dem sie sich aufhält), Verantwortung übernehmen zu müssen. Was nicht lange darauf dazu führt, selbst in Gefahr zu geraten.

 

„Sie waren hier, weil sie verdächtigt wurden, und zwar der Ketzerei. Gab es etwas Schlimmeres? Sicherlich nicht“.

Zumindest nicht zur damaligen Zeit.

Wobei es natürlich  nicht um „den Glauben“ ging, sondern um Einfluss, Macht, um eine Eindämmung einer Bewegung, die in ihrer friedlichen Ausrichtung bereits zu viele Anhänger gefunden hatte (in den Augen der Kirche und der Oberen).

 

„Und mit jedem Wort, das sie sagen, erhalte ich Macht. Mehr Macht“.

 

Durand ist „der Vollstrecker“, der Bischof, der geschickt und mit den Ängsten der Menschen spielend die Dinge „zur Ordnung rückt“. Einer, der „die Lüge am Klang“ erkennt.

 

„Simon Dupont, denkt ihr, gerichtlich angeordnete Hinrichtungen sind eine Sünde“?

 

Als auch Simon, die zunächst stille, dann offenkundigere große Liebe Alissendes ins Fadenkreuz gerät, als der Bischof geschickt immer mehr Angst schürt und Zwietracht sät, geraten die Dinge auf allen Seiten in eine unaufhaltsame Bewegung.  

 

Liv Winterberg gelingt, dieses „um das eigene Leben sich reden“, den Beginn und die Ausbreitung des Misstrauens und des Verrates atmosphärisch sehr dicht dem Leser vor Augen zu führen. Und darin auch „zeitlose“ menschliche Schwächen zu portraitieren.

 

Hier und da wirken konkrete persönliche Entwicklungen und Personen an sich etwas künstlich, kommen und gehen, hinterlassen manches Mal aber keinen bleibenden Eindruck. So fällt es nicht immer leicht, sich mit den handelnden Personen zu identifizieren, wenn im  Buch selbst „der Böse“ fast die am differenziertesten und am fassbarsten gezeichnete Figur darstellt.

 

Dennoch liest sich das Buch in seinem klaren Stil gut und bietet sowohl die notwendigen historischen Hintergründe als auch ein angemessenes Tempo und zeigt deutlich auf, was Menschen einander an Verrat antun werden, wenn es um ihren eigenen Vorteil, ihr eigenes Leben geht und wieweit Verfolgungen immer auch das gesamte Umfeld mit betreffen (was Alissende bereits zu Beginn des Buches ja erlebt und deswegen überhaupt erst in Seriol anlangt).

 

 

Insgesamt eine anregende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014