dtv 2011
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Liv Winterberg – Vom anderen Ende der Welt

 

Forscherdrang und Liebe

 

Von ihrem Vater hat sie ihn geerbt, Mary Linley, den Forscherdrang. Vor Kap Hoorn ist ihr Vater verschollen, das Schiff zerschellt, Überlebenschancen gleich Null.

 

Allein auf sich gestellt, in den Zwängen der Gesellschaft des ausgehenden 18. Jahrhunderts mit seiner minderen Stellung der Frau, sieht sich auch Mary nach dem Verlust des Vaters dem Ende ihrer Träume gegenüber. Die mit dem Vater gemeinsam angelegte Sammlung wird entsorgt, sie selbst für eine Heirat vorgesehen.

 

Diesen bedrängenden Umständen entflieht die junge Frau und folgt ihrem Naturell. Als Mann verkleidet schleicht sie sich in die Crew des Forschungsschiffes „Sailing Queen“ ein und sticht mit in See. Zunächst scheint alles gut zu gehen, doch täglich muss sie damit rechnen, in ihrer Verkleidung enttarnt zu werden. Zudem ist ein Mann mit an Bord, der für Mary bald mehr ist als nur ein „Forscherkollege“.

 

Ein Sujet, dass sicherlich nicht neu klingt und das einen durchaus vorhersehbaren Verlauf, trotz mancher Irrungen und Wendungen, im Lauf des Buches nimmt. Eingebettet aber ist diese Liebesgeschichte in eine interessante und anregend erzählte Reisegeschichte, in der es Winterberg gelingt, die vielfachen, damals hoch exotischen, Orte aus der Sicht des neugierig-staunenden Menschen der damaligen Zeit, dem sich an jedem fremden Ort gleich ganz neue Welten auftaten.

 

Hier spielt Liv Winterberg ihre vielfachen Kenntnisse über jene Zeit, über Seereisen und über die angelaufenen Orte aus. Zudem versteht sie es, plastisch und bildhaft zu erzählen und damit den Leser mit hinein zu nehmen in die Vielfalt der Entdeckungen, wie sie ebenso mit an Bord des Schiffes nimmt und die Abläufe an Bord eines der damaligen Segelschiffe ebenso eindrücklich und plastisch vor Augen führt. Die Umrundung Kap Hoorns, jener Ort, an dem ihr Vater verloren ging, ist für diese plastische Erzählkraft im Buch ein gutes Beispiel und durchaus hier auch spannend erzählt.

 

Alles in allem eine stimmige Darstellung einer vielfältigen Forschungsreise, die sorgfältig die besonderen Momente einfängt, aber auch die alltäglich verstreichende Zeit atmosphärisch darzustellen versteht. Der eigentlich rote Faden der Geschichte in Form der verkleideten Mary an Bord mit ihrer beginnenden Liebe dagegen führt wenig Neues ein und vermag auf Dauer nicht wirklich zu fesseln.

 

M.Lehmann-Pape 2011