Droemer 2016
Droemer 2016

Liza Klaussmann – Villa America

 

Der große Gatsby an der Cot d´Azur

 

Es sind die Zeiten der eleganten Erscheinungen, der stilvollen Partys, des Erprobens neuer Freiheiten, des Abschüttelns alter Zwänge. Es ist der Übergang in die Moderne nicht nur industriell, sondern auch, was einen gewissen vermögenden Teil der Gesellschaft angeht (altes Geld, neue Berühmtheit, einfach jung und reich), und deren vielfacher Gefolgsleute aus der näheren Umgebung angeht, die Zeit, in der wohl erstmalig die Unterhaltung, die Erotik, das Freche, das Experiment mit sich selbst und mit der Gesellschaft, eine beginnende Unterhaltungsindustrie mit ihren Partys, Clubs, ihrer „Szene“ zu einem gewichtigen „Hauptteil“ des persönlichen Lebens wird.

 

Die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Zeit eben des „großen Gatsby“ von Fitzgerald, die Zeit der „Familie Murphy“ in diesem neuen Roman von Liza Klaussmann.

 

Eine Zeit, der Atmosphäre voll von träger Erotik, von laszivem Lebensstil, von ausufernden Partys (in immer formvollendeter Kleidung, zumindest zu Beginn der Feste), gefüllt von „neuer „Musik, Jazz, einem sehr legeren Lebensstil. Eine Atmosphäre, die Klaussmann wunderbar ruhig aufnimmt und bildkräftig zu beschreiben versteht. Beschreibungen und die Wiedergabe einer Form des Lebens, die in diesem Raum lebendig werden lässt, warum diese Zeiten für viele auch heute noch eine Art Sehnsuchtszeit ist, eine Dekade echter Freiheit, aber auch weltverändernder Entwicklungen auf gesellschaftlicher und politischer Ebene.

 

Was dann allerdings im Hintergrund über diese reine atmosphärische Dichte hinaus geht, ist der tiefere Blick, den Klaussmann auf ihre Protagonisten wirft. Jenem tieferen Blick auch ist es geschuldet, dass die Autorin bei den wesentlichen Hauptfiguren zum einen im Prolog bereits die seelischen Grundhaltungen andeutet und zum anderen zu Beginn des Romans Teile der Kindheit der Charaktere, zwar eher knapp und kurz, dennoch aber aussagekräftig erzählt.

 

Denn bei allem äußeren Erproben, bei aller scheinbaren Freiheit in der Liebe und im Leben, bei allem legeren der Mode und der Musik, bei aller Extravaganz der Kleidung und des Spiels mit Männer- und Frauenrollen, fast scheint es so, als würden jene attraktiven Menschen, die das Buch bevölkern, nicht aufrecht „auf etwas zugehen“ an neuer Lebensmöglichkeit, sondern eher „von etwas weglaufen“ an alten Zwängen, emotional kühler Kindheit und eigener, seelischer Einsamkeit, die zwar den geprägten Rollenerwartungen jener Zeit zu entkommen versteht, am Ende aber nicht sich selbst.

 

Ein Hauch Melancholie selbst in Zeiten und Momenten enthemmter Leidenschaft ist daher zu spüren. Ein Hauch von „abgewiesen werden“ und „harter Schule“, wenn Gerald als Kind seinen liebsten Geführten, seinen Hund, nicht nur „an den Vater“ verliert, sondern auch innerlich „im Garten“, bis dahin, dass er von dem „einzigen Wesen, dass ihm Wärme gibt“ gebissen wird.

 

Erfahrungen, eine Prägung in jungen Tagen, die Gerald nicht alleine erlebt und nun als Erwachsener zu tragen hat, ohne es selbst so deutlich zuordnen zu können. Eine Haltung die sich einige Zeit später bei einem „Doppeltod“ noch einmal geschärft zeigen wird und die den Leser ebenfalls emotional berührt. Einfach beim „Zusehen“, wie wenig Berührung wirklich möglich ist in all diesen äußeren Berührungen.

 

Wie einsam auch ein Mann wie Hemingway, der vor Kraft und Vitalität nur so strotzt, im Inneren doch angetrieben wird.

 

Den Personen nahe zu kommen in ihrer inneren Verlorenheit, das ist Klaussmann beeindruckend gelungen, auch wenn sich ihre Geschichte doch in manchen Phasen des Buches ein wenig in die Länge zieht und hier und da eine gewisse Ungeduld beim Leser hervorruft, wann das Tempo sich endlich ein wenig mehr wieder anzieht.

 

Aber vielleicht erlebt der Leser emotional genauso, wie es den Protagonisten im Buch durchgehend ergeht.

 

Eine empfehlenswerte, ruhige Lektüre mit psychologischem Tiefgang.

 

 

M.Lehmann-Pape 2016