Berlinverlag 2011
Berlinverlag 2011

Lorrie Moore – Ein Tor zur Welt

 

Die Ereignisse von 9/11 sind es, die im Buch den Einstieg zum Kennenlernen der Protagonisten eröffnen. Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, in welch freien Assoziationsketten jene Tassie , die die Geschichte des Buches aus der Ich-Perspektive erzählt, die Welt zunächst mit ihren ganz eigenen, naiven Augen betrachtet.

 

Vom Lande stammend, mancherlei Zoten ihrer Kommilitonen ausgesetzt (die doch das eigentliche über Ziegen nie fragen, so dass es Tassie auch nicht erwähnen kann), ist ihr Herz für die Literatur entbrannt. Sensibel ist diese Tassie durch Lorrie Moore angelegt, ihren Platz in dieser Welt suchend, einer Welt, die selber kaum mehr klare und feste Orientierungspunkte zu bieten hat.

 

Schon diese ersten Seiten führen, sprachlich mit literarischer Qualität dargelegt, mitten hinein in die Welt der jungen Erwachsenen unserer Tage. In die Innenwelt, wohlgemerkt, denn nicht um Hedonismus, Party oder ein einfaches Karrierestreben geht es der Autorin, sondern um das Finden eines eigenen Weges inmitten wankender und unsicherer Zeiten. Tassie wird diesen Weg zu gehen haben.

Jene Tassie, die der Leser zunächst auf Jobsuche antrifft.

Sie wird fündig als Kindermädchen bei einer der wenigen noch stabilen, klassischen Mittelschichtsfamilien, die im Folgenden durch eine Adoption nun den langersehnten Nachwuchs erhalten werden. Vordergründig stabil, müsste man sagen, denn die Brinks sind hinter der Fassade alles andere als gleichförmig und stabil.

Und die innerlich unsichere, verletzliche, schwankende, mehr in Büchern denn in der realen Welt sich findende Tassie wird so zunächst im Buch die Erzieherin, die feste Größe im Leben der kleinen Mary-Emma.

 

Schon dieses Setting ist spannend gewählt. Eine, die sich selber sucht, die nicht wirklich ganz in dieser Welt sich aufhält, erhält eine hohe Verantwortung. Derer Tassie sich aber kaum konzentriert bewusst wird. Denn nicht nur das nähere Kennlernen vornehmlich der Mutter, Sarah Brink, verwirrt Tassie zunehmend,  zudem nämlich dringt die erste Liebe in ihr Leben. Doch nichts wird bleiben, wie es war.

 

Job und erste Liebe gehen dahin. Beides auf eine harte Weise im Rahmen je aufgedeckter Lügengespinstes. Eine ernüchternde und kühle Ent-Täuschung der jungen Frau. Der klaren und festgefügten Welt ihrer Herkunft ist Tassie mittlerweile innerlich entwachsen, da bleibt nichts anderes übrig, sie wird nun erwachsen werden müssen. Vor allem, als sie  noch mit der Realität der brutalen Seite der Welt konfrontiert wird Ihr Bruder Robert meldet sich zum Krieg, mit ebenso bitteren und harten Folgen.

 

Ein Weg, auf dem Lorrie Moore nun den Leser in einer wahren Sprachflut mit hinein nimmt und ihn nicht so schnell wieder loslassen wird aus dieser Welt der gebrochenen Figuren und in Teilen fast skurrilen Erlebnisse derselben.

 

So öffnet sich für Tassie im Buch das „Tor zur Welt“ in einer ganz anderen, wenig harmonischen und nicht glücklichen Form. In eine Welt hinein, die Lorrie Moore zwar mit viel sprachlichem Witz und durchaus schrägem Humor zeichnet, die sie dennoch mit kühlem Blick zu sezieren versteht. So darf der Leser im temporeichen zweiten Teil des Buches bis zum Ende hin gespannt bleiben, wie Tassie ihren Platz finden wird, ohne ihre eigentlichen Stärken der Sensibilität und Feinfühligkeit vollends zu verlieren.

 

Einige Längen im buch bleiben nicht aus und mancher Dialog und manche übersteigerte Situation wirken ein wenig künstlich und aufgesetzt. Im Gesamten aber sprachlich und inhaltlich ein interessantes Kaleidoskop einer sich verlierenden, verlogenen, oft auf Täuschung aufgebauten Welt, in der es bei weitem nicht einfach ist, einen eigenen Weg wirklich zu finden.

 

M.Lehmann-Pape 2011