S.Fischer 2011
S.Fischer 2011

Lucie Whitehouse – Dunkle Brandung

 

Liebe, Leidenschaft, Eifersucht und Verrat

 

Wenn ein Buch das Etikett „Frauenroman“ zu Recht tragen würde, dann gehört das neue Werk von Lucie Whitehouse sicherlich in diese Riege. Dies zeigt allein schon die Beschreibung Richards, der düsteren, männlichen Figur des Romans (allerdings über den größten Teil des Buches hinweg nur im Hintergrund mitschwingend), auf.

Eine breitest mögliche Teilmenge an geheimnisvollen, dunklen, attraktiven Assoziationen lässt die Autorin bei der Gestaltung dieser Figur und deren erster Begegnung mit der weiblichen Hauptfigur des Buches mitschwingen. Dunkler Typ, persisch angehaucht, hoch attraktiv, direkt und mit klarer und purer Erotik versehen, wäre es kein Wunder, dass nicht nur Kate während der ersten Begegnung in einem Club sich diesem Mann mit flirrenden Gefühlen fast schon anstandslos hingibt, sicherlich würde ein solcher Typ Mann in breitem Umfang seine Wirkung auf die Weiblichkeit entfalten. Mit Folgen, natürlich.

Folgen, um die das gesamte Buch kreist und die immer klarer zu Tage treten.

 

Aus der durchgehenden Perspektive Kate Robinsons in Ich-Form verfolgt Whitehouse auf der winterlich-einsamen Isle of Wright den inneren und äußeren Entwicklungsweg der jungen Übersetzerin, die fluchtartig ihre Heimat London für mindestens 6 Monate verlassen hat. Weg von diesem Richard, irgendetwas Dunkles ist geschehen. Vielleicht stammen die sichtbaren Spuren im Gesicht Kates gar nicht von einem, wie sie behauptet, Unfall mit dem Fahrrad? Weg von Richard und doch nicht entkommen. Mails, SMS, Anrufversuche, Richard ist und bleibt Teil ihres Lebens in der Reibung zwischen Flucht und (immer noch) Faszination für das, was er in ihr Leben eingebracht hat.

 

Doch auch auf der Insel selbst steht, trotz des Endes der touristischen Saison, Langeweile nicht auf der Tagesordnung. Alice Frewin, Ehefrau von Pete Frewin ist verschollen. Von einer Segeltour taucht nur ihr Schiff wieder auf, ohne Alice. Unfall? Mord? Gar Selbstmord? Während Kate intensiv mit sich und ihren inneren Wunden beschäftigt ist, Schritt für Schritt die Insel als Lebensraum für sich entdeckt und in Bezug auf Richard zwischen Bangen und Hoffen schwankt, entfaltet sich auch ein Kennenlernen zu jenem Pete Frewin, der zunächst für Kate schwer einzuordnen ist.

 

Weit gefehlt wäre, den Roman als eine Form von Kriminalroman oder gar Thriller, wie es das Cover andeutet, anzugehen. Weder die Geschichte um die verschwundene Alice auf der Isle of Wright, noch die dunkle Vergangenheit Kates mit Richard, geben wirklich eine Form kriminalistischer Spannung her. Spannung entsteht im Buch über den größten Teil hinweg (bis auf Andeutungen um das, was jener Richard mit „seiner“ Kate noch vorhat) allein aus der innern Erlebniswelt Kates.

Da die Verarbeitung der heftigen Leidenschaft mit Richard allerdings sicher die knapp 400 Seiten des Buches nicht gefüllt hätte, bieten sich die beiden weiteren Erzählstränge, das Verschwinden von Alice samt der Annäherung Kates an Pete einerseits und die innere Öffnung Kates für diese eher einsame und raue Atmosphäre der Isle of Wright samt seiner Bewohner an, um eine persönliche Entwicklung der Frau in verschiedene Richtungen zu verankern. Auch in eine Richtung, für sich selber mehr zu entdecken als das rein auf Arbeit und loses Vergnügen beruhende Leben in London. „Warum arbeitest Du soviel“, fragt Richard Kate in der Frühphase des Kennenlernens. „Weil ich nichts anderes habe“, denkt sich Kate. Das allerdings wird sich im Lauf des Buches ändern. Liebe, der Wert sozialer Bindungen, selbst ein anderer Arbeitsplatz, all das wird sich im Lauf der Seiten ergeben samt einer handfesten Bedrohung für dieses neue Leben Kates.

 

Kleinteilig erzählt, in Teilen einfach zu langatmig dargestellt, vermag das Buch sicherlich eine weibliche Sicht zu bedienen und in dieser hier und da Akzente mit Wiederkennungswert zu setzten (das zu lange Verbleiben in Beziehungen, die letztlich nicht gut tun. Die vermeintliche Erfüllung von Lebenssehnsüchten durch einen attraktiven und abenteuerlichen Mann etc.). Am Ende des Tages verleibt, dass trotz sprachlich versierter Erzählweise und einiger innerer wie äußerer Spannungsmomente die Geschichte selber nicht genügend Impulse in sich trägt, um dauerhaft zu fesseln.

 

M.Lehmann-Pape 2011