Manhattan 2013
Manhattan 2013

Maggie O´Farrell – Der Sommer, als der Regen ausblieb

 

Familiengeheimnisse und Ringen um Nähe

 

Es ist nicht nur so, dass der Regen in Highbury, London sich nicht mehr blicken lässt, Dürre sich breitmacht und die Sonne mit ihrer Hitze im dritten Monat bereits den Menschen das Leben und atmen erschwert.

 

Es ist auch so, dass sich Robert Riordan, Pensionär, Ehemann, Vater dreier erwachsener Kinder (die längst aus dem Haus sind) sich auf einmal nicht mehr blicken lässt. Besorgniserregend bei einem Mann, nach dem man sonst in jeder Phase des Tages die Uhrwerke hat stellen können.

 

„Seit mehr als drei Jahrzehnten geht er um Punkt Viertel vor sieben aus dem Haus“. Mit immer den gleichen Handgriffen, egal, was sonst noch im Haus an Trubel mit den Kindern losgewesen sein mochte. So auch jetzt. Zeitung holen. Und kommt nicht wieder.

 

Was Gretta, seine Frau, einerseits in hohe Unruhe versetzt, andererseits unter inneren Stress, denn ihre Stütze könnten jetzt eigentlich nur die Kinder sein und von denen ist jeder und jede ziemlich im eigenen Leben befangen. Und eine echte, offene Kommunikation zwischen Mutter und Kindern ist genauso wenig „an der Tagesordnung“, wie eine solche im Blick auf die Kinder untereinander. Nicht nur zur Zeit.

Und so wird nun Bewegung hineinkommen. Nicht nur in das Verhältnis zu Mutter und das „sich Kümmern“ um das Verschwinden das Vaters. Auch in das nicht einfache Verhältnis der Geschwister untereinander und zur Mutter (die gerade, was ihre Tochter Aoife angeht, immer noch Einfluss nehmen will, gar nicht anders kann, schon zur Haarbürste greift, als sie die neue Frisur der Tochter sehen wird).

 

„Jetzt sagt Aoife, dass sie sich eigentlich nie die Haare bürste, nie, kapiert? Und Gretta sagt, das glaubt sie glatt und ob es in New York keine Frisöre gibt. Er (Michael) will einschreiten. Aiofe, lass sein, nur dieses eine Mal, sie macht schon genug durch“

 

So ist die Stimmung seit langem. Schnell gereizt. Und Hintergründig. Denn keiner der Familie lässt einen oder eine der anderen wirklich hinter die eigenen Fassaden blicken, sondern verbirgt die eigenen Schwierigkeiten und Geheimnisse sehr geschickt.

 

Bewegung kommt auch hinein in das Innenleben des Sohnes Michael Francis und der beiden Töchter Aoifa und Monica. Alle drei haben zu kämpfen im Leben. Mit dem neuen Lebensgefährten, was Monica angeht. Mit den eingefahrenen Strukturen der eigenen Ehe und Familie, was Michael angeht. Mit dem Leben an sich, was Aoife angeht, die es am weitesten weg nach New York verschlagen hat.

 

Das einzige, was die drei Geschwister miteinander verbindet, ist eine seltsam vage, innere Haltung dem Leben gegenüber, ein nicht wirklich gut zurechtkommen und dennoch Tag für Tag ebenso auch ein „weiter so“.

 

Die Ursachen für diese Haltungen, dieses innere „sich auf schwankendem Boden befinden“, die legt Maggie O´Farrell in diesem Roman sehr intensiv vor die Augen des Lesers. Lange Zeit spielt das Verschwinden des Vaters, die Hitze, die Belastungen keine große Rolle im Roman. Kapitel für Kapitel wechselt O´Farrel zunächst zwischen den Perspektiven vor allem der Geschwister hin und her und entfaltet so einen roten Faden der gegenseitigen Verbindungen, der Kindheit und des Aufwachsen und, vor allem, der genau erfassten, inneren Befindlichkeit ihrer Protagonisten.

 

Die sich zuspitzen, aneinander sich abarbeiten und, jeder und jede für sich, sich auch sich selbst zu stellen haben werden in diesem „Bruch des Alltäglichen“, das den gewohnten und vor sich hin laufenden Trott des eigenen Lebens unterbricht und aufwühlt.

 

Das ist auch sprachlich interessant zu lesen, da lässt O´Farrell den Leser nicht aus. Bis zur, durchaus sich andeutenden, im Gesamten aber dann doch auch überraschenden Klärung des Verschwindens des Vaters. Wobei, auch das sei gesagt, in dieser Breite der Darstellung die ein- oder andere Länge nicht ausbleibt und das ein oder andere Kopfschütteln gerade über Aoifes „exotisches Inneres“ den Leser an manchen Stellen begleiten wird.

 

Alles in allem aber ein gelungener, tiefblickender Familienroman, der vor Augen führt, dass manche Entwicklungen und Verhältnisse dazu führen, dass die Dinge des Lebens „wie auf Schienen“ verlaufen und es oft schwer ist, Weichen zu finden, anzuhalten, innezuhalten und Verqueres wieder gerade zu rücken.

 

M.Lehmann-Pape 2013