btb 2012
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Marc Deckert – Die Kometenjäger

 

Sehnsucht

 

Es braucht im Leben hier und da eine „spinnerte“ Idee. Eine Merkwürdigkeit, um nach vorne zu gehen, um sich auf eine Lebensreise zu machen, um Dynamik zu spüren und sei es auch noch so unsinnig fast in den Augen der anderen (vielleicht sogar in den eigenen), mit was man da seine Sehnsucht füllt.

 

Insofern könnten die beiden Protagonisten des Debütromans von Marc Deckert durchaus zunächst als zwei Seiten einer Person wirken, von denen die eine die andere dann kraftvoll mitreißt, mitten in das Leben hinein. Zunächst im tiefsten Bayern in Landsberg am Lech.

 

Hier lebt Phillip. Ein wenig ab von der Welt (auch innerlich), aber doch einigermaßen in ruhigen Bahnen, auch wenn man nicht gerade behaupten kann, dass er in seinem Leben schon so richtig angekommen ist. Seine Kunst besteht allerdings durchaus (zunächst) darin, sich mit dem, was ist und wie es ist einfach zufrieden zu geben. Für größre Veränderungen, den „großen“ Wurf oder einfach neue Wege fehlt ihm auch oft die Entschlossenheit. Ein Sinnbild für die ängstliche, auf das Gewohnte, weil Sichere bedachte Seite, die jeder Mensch auch in sich trägt. Phiilip, aus dessen Sicht in der Ich Form die Geschichte erzählt wird und der sagt:

„Einer der Hauptgründe, warum ich immer noch hier war, war natürlich reine Bequemlichkeit“.

 

Und daneben Tom. Den Phillip zufällig in einer Sternwarte kennenlernt. Den leidenschaftlich Besessenen. Den Abenteurer. Der einen Kometen neu entdecken will, sich der Astronomie verschrieben hat. Und dafür braucht es Dunkelheit, möglichst tiefe Dunkelheit, um die Sterne umso heller leuchten lassen zu können. Tom nimmt Phillip mit auf seine Suche, seine Reise. Ein Sinnbild für die nach außen drängende, Sinn-Suchende Seite des Menschen. So, wie Phillip über Tom urteilt: „Du bist der ewige Sucher. Das ist Dein Ding. Und  Du bist lieber einsam, als Dich mit weniger zufrieden zu geben“.

 

Und wenn sich beide Seiten, beide Charaktere zusammentun, dann entsteht ein Geflecht gegenseitiger Erfahrungen und gegenseitigen Lernens. Welches im Buch nicht schwerfällig und abstrakt im Raume steht, sondern als eine innere und äußere Erlebnisgeschichte und eine weite Reise (von Landsberg bis nach Kalifornien) munter, flüssig und durchaus auch emotional berührend von Marc Deckert erzählt wird. Wobei natürlich auch die Liebe, die Frauen ein gewichtige Rolle einnehmen werden auf dieser reisenden Suche der beiden ungleichen jungen Männer. Ob Constanze oder Claire, auch die Dinge der Liebe geraten für die beiden nicht auf einfache Art und Weise. Es ist eben einfacher, das „große Ganze“ zu betrachten als „die wichtigen Einzelheiten“ darin zu erkennen. Wie beim Sternehaufen, so auch im Leben. So ist auch die Suche nach einem „neuen“ Kometen ein Bild für die Suche nach einem Ankommen, einem echten Ziel. Zweier Menschen, die, ganz anders und jeder für sich, besser mit dem „Besondern“ zurechtkommen als mit dem „ganz normalen, alltäglichen Leben“.

 

Es wird sich im Lauf der Geschichte herausstellen, wie viel Geduld man dafür braucht. Wie es ebenso deutlich werden wird, dass auch ein Finden nicht unbedingt das Ende einer Suche bedeutet. Oder dass eine Suche an sich unbedingt notwendig wäre, um zu Finden.

 

Marc Deckert hat einen sprachlich überzeugenden Roman über ein vordergründig exotisches „Hobby“ verfasst, in dem er durchaus fundiert Grundlagen der Astronomie mit einfließen lässt. Wie er, im Hintergrund, das eigentliche Thema vom Suchen und Finden, von Leidenschaft und Zurückhaltung in seine Charaktere ebenso überzeugend mit einbringt. Trotz einiger Längen ein überzeugender und lesenswerter, vielschichtiger Debütroman.

 

M.Lehmann-Pape 2012