Knaus 2011
Knaus 2011

Marc Degens – Das kaputte Knie Gottes

 

Freundschaft

 

Dennis ist seit Schulzeiten der beste Freund von Mark. Und hat sich der Kunst verschrieben. Der Betonkunst. Plastiken aus Beton, genauer gesagt. Unter anderem das „kaputte Knie Gottes“ eben. Völlig erfolglos., natürlich. Zunächst jedenfalls. Ein Leben für die Kunst, Studium nach drei Semestern geschmissen, Geld immer Mangelware und zudem entsteht schon der Eindruck, dass die Werke des Dennis, mit Verlaub, einfach inhaltlichen Schrott darstellen. Aber welcher Künstler will das schon hören. Und welcher Freund würde das so ungeschminkt einfach sagen? Und wer weiß, wie die Welt noch drauf reagieren wird, damals, in den 90ern.

 

Mark dagegen. Der Solide. Der Student des Lehramtes, der sich nebenbei an einem Roman versucht, aber, als er hier ins Risiko gehen müsste, ein Stipendium lieber sausen lässt und dafür brav sein Lehrerexamen macht und Katharina heiratet. Einer, der beziehungstreu ist, so muss man es sagen, vor allem Dennis gegenüber. Eine Treue, die ihm nicht immer gedankt wird und zunehmend Belastungen erfährt. Dennis, der oft bedürftig ist nach Hilfe, diese kommentarlos entgegen nimmt (seine Eltern verkaufen sogar ihr Auto, um einem seiner Hunde eine Operation zu ermöglichen).

 

Interessant, dass gerade da, wo Dennis durch Zufall (und einen weiblichen Mäzen) plötzlich Oberwasser bekommt und gar anfängt, seine Werke zu verkaufen, er zunächst aus dem Leben von Mark verschwindet. Interessant auch, dass viele der bestbezahlten Kunstwerke des Dennis auf Ideen seiner Freunde zurückgehen (was Dennis beständig vergisst, zu erwähnen).

 

So entpuppt sich das Buch, angekündigt als „Zeitgeist der 90er“ und „Persiflage auf die Kunstszene“, trotz mancher Spitzen und situationskomischer Verweise auf den überkandidelten Kunst-, Medien- und Fernsehbetrieb samt urkomischer Szenen um manche Kunstwerke und deren Ausstellungen herum, im Kern als ein eher leises Buch. Ein Buch über eine (fast nur) lebenslange Freundschaft, deren Nähen, Distanzen und der Zeit, die es dauert, bis Mark merkt, was er wirklich von Dennis zu halten hat.

 

Angesiedelt im Ruhrgebiet um Bochum herum, versehen mit einigen exotischen Charakteren (Erik, der „Porno Künstler“, große Klappe, nix dahinter, Dennis, der betonierende Hundeliebhaber mit eigenem Betonmischer, Lily, die Pseudo-Marxistin, die bei erster Gelegenheit ins kapitalistische Beratungsgeschäft überwechselt und leider auf Dennis hoch allergisch reagiert) versteht es Marc Degens, die unbeirrte Kraft der Ignoranz köstlich zu schildern, das Staunen über künstlerische Erfolge für so gut wie gar keine Leistung (ein echtes Merkmal der 90er!) und, vor allem, die inneren Beziehungen der Figuren untereinander fast nebensächlich, aber immer präsent, als roten Faden durch das Buch laufen zu lassen.

 

In Teilen wird dies zum Ende hin einfach auch langatmig, manches an Techno-Disco- Erlebnissen interessiert nicht wirklich, dafür kommt der Kunstbetrieb, als es endlich richtig losgeht, tatsächlich ein wenig zu kurz im Buch.

 

Alles in allem eine gelungene „Freundschaftsgeschichte“ mit nachfühlbarer, innerer Entwicklung, einigen guten Einfällen, die zur anregenden Situationskomik führen und manchen Seitenhieben auf eine übertrieben Lebensart, über die man aus der Distanz heraus nur den Kopf schütteln kann. Keine umwerfende, aber eine durchaus anregende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2011

 


Marc Degens

 

geboren 1971 in Essen, schreibt Romane, Kolumnen und Erzählungen. Bisher sind von ihm u.a. der Roman "Hier keine Kunst" und die Kolumnen-Sammlung "Unsere Popmoderne" erschienen. "Das kaputte Knie Gottes" ist sein erster Roman im Knaus Verlag.