Dumont 2015
Dumont 2015

Marc Degens – Fuckin Sushi

 

Freundschaft und Zeitzeichen

 

Wie es ist, in der Gegenwart 17 Jahre alt zu sein, aus dem Ruhrgebiet in die „Bundesstadt“ Bonn umziehen zu müssen und sich unter all den individuell merkwürdigen Leuten an der neuen Schule und im Umfeld zurechtfinden zu müssen, das ist das eine, von dem Marc Degens flüssig und griffig erzählt („Das Nachtleben in Bonn findet an Bahnsteig eins des Hauptbahnhofes Stadt. Da, wo die Züge nach Köln losfahren“).

 

Und Degens erzählt dies, teils zeitlich gerafft, mit allem, was dazugehört.

 

Wie die Hormone ihr Recht fordern („Wer es vor der Volljährigkeit nicht schafft, schafft es nie“). Wie dies heutzutage zunächst über irgendwelchen romantischen Allüren steht (nein, jene, die der Leser meint als „Auserwählte“ für die Hauptperson „Niels“ früh ausmachen zu können, wird es nicht sein, die ihn auf dem Dach des „Müll-Towers“ beglücken wird).

 

Freundschaft, Leidenschaft, schüchtern sein, die „Erwachsenenwelt“ kennenlernen in ihrem ständigen Versuch, auch mit „46 noch cool zu sein“ und das Ganze mehr und mehr am besten unter einigen Promille Alkoholgehalt im Blut (ist ja sonst kaum auszuhalten).

 

Und dann, im letzten Teil des Buches, der Umschwung. Ohne Vorankündigung, unverhofft. Aber nach der ersten Irritation wird deutlich, dass es genauso passt, im Roman. Dass Degens hier eben jene Brüche, jenes abrupte der jugendlichen Lebenszeit verarbeitet, die keine Gründe, kein „gutes Gespräch“ oder ähnliches als Erklärung für emotionale Schwankungen und geballte Egozentrik benötigt.

 

Eine inneres, emotionales Drama, dass die Ungerechtigkeit der Emotionen abrupt vor Augen führt und alles, was so plötzlich entstanden war ebenso schnell wieder wegnimmt.

 

Zuvor aber geht Niels mit seinem neuen Freund Rene musizieren. Vor Heinos Cafe.

 

Lang müssen die Lieder sein, laut, schnell, Texte als Aneinanderreihung von Fernsehsendungen, die „Promi Shopping Queen“ wird der Hit im Internet.

 

Erfolgreiche Konzerte in der Subkultur.

Alkohol, die Band unterwegs und doch ist bereits zu Anfang der Karriere Reibung zu spüren, Nähe und Distanz, Freundschaft und Konkurrenz. Eingebettet in das jugendliche Erleben, hineinwachsen in eine Welt, die wenig wirklich Attraktives bereit zu halten scheint. Und den Rausch auf der Bühne, den Degens bildkräftig auf den Punkt bringt.

 

Und so wird der Schlachtruf der „Fuckin Sushis“, „Weltfrieden und Abrentnern sofort“ (aber auf keinen Fall „Veradenauern“), den Degens seinen jugendlichen Protagonisten in den Mund (und vor das Mikofon) legt weit  mehr, als eine Art Post-Punk-Party und mehr als nur eine jugendliche Geschichte.

 

Sondern Ausdruck eines tatsächlich spürbaren Lebensgefühls im Land, dass nicht nur junge Menschen kurz vor dem Abitur einholt, sondern auch in späteren Jahrgängen latent vorhanden ist.

 

Nicht mehr Karriere, Platz an der Sonne, Fakten, Fakten, Fakten sind das, was das Lebensgefühl sucht, sondern Zeit. Eigene Zeit.

 

Wie ein Rentner eben, nur ohne Rollator.

 

Zeit zu erproben, zu suchen, den Kater am nächsten Morgen zu pflegen und nicht in einem ständigen „Contest“ gegen die anderen und die Welt sich  wiederzufinden (in jener Szene beim Wettbewerb in Köln mit den auf den Punkt gebrachten „Konkurrenten“ zeigt Degens fast schon bösartig dieses „individuell sein wollen“ und doch nur „Mainstream“ leben können samt der dekadent verrotteten „Kulturszene“ treffend auf).

 

Das Finden von Freunden, die Bedeutung, die es hat, wenn man sich in etwas ganz hineingeben kann, der Schmerz, wenn einem das weggenommen wird, „You Tube“ als moderner Karrieremacher und –beender,  und, zum Schluss, die Chance und Notwendigkeit, sich selbst zu finden und auszudrücken, all dies steckt in diesem Roman.

 

Auch wenn Degens hier und da zu temporeich erzählt, zu schnell  ereignisketten wieder verlässt, manche Ereignisse einfach so vorbeiströmen und schon ihr Ende gefunden haben, wenn der Leser sich gerade in ihnen eingerichtet hat, auch wenn einiges natürlich eher märchenhafte Züge trägt (wie schnell zwei Jungs musikalisch kompetent werden in Bad Münstereifel mit Bongos, einer alten Zitter und einem ebenso alten Akkordeon…), insgesamt bietet der Roman einen treffenden Blick und ebenso unterhaltsam zu lesenden Blick auf die Träume der Gegenwart.

 

Die konkrete Zeit, die zeitlose Suche nach Orientierung als junger Mensch, die Empfindlichkeit des Herzens und die leicht entflammbare Hoffnung auf „anders als die anderen“.

 

Eine empfehlenswerte Lektüre, bei Weitem nicht nur für jugendliche Leser.

 

M.Lehmann-Pape 2015