C.Bertelsmann 2013
C.Bertelsmann 2013

Marc Michel-Amadry – Zwei Zebras in New York

 

Die Wiederentdeckung der Lebensfreude

 

„Und das Bild vereinigte sich wie ein stürmischer Liebhaber mit ihrem Körper und ihrer Seele in einem langen, sinnlichen Tanz“.

 

Alleine schon die 2-3 Seiten, in denen Michel-Amadry den Leser teilhaben lässt am inneren Schöpfungsprozess einer Malerin, wobei er gar nicht auf die Technik des Malens eingeht, sondern Zeile für Zeile den inneren Zustand, die Erregung, die Überwältigung, das Einfließen der Person auf die Leinwand nachvollzieht lohnen fast schon die Lektüre des gesamten Buches.

 

Mit empathischer, bildkräftiger, zarte, poetischer Sprache nähert sich Michel-Amadry aber nicht nur, was Mila angeht, dem Kern schöpferischer Schaffenskraft im Menschen, jenem Moment, in dem die Lebensfreude und Lebenskraft (wieder) erwacht und zu spüren ist. Alle seine Protagonisten, jeder und jede auf seine und ihre Art und Weise, erleben je ihre Form des „leisen“ Durchbruchs zum Leben selbst hin.

 

Mathieu, der die Liebe plötzlich in seinem Leben findet (eben zu jener Mila hin), Mila, die sich zaghaft darauf einlässt und die „zwei mal zwei Meter“ weiße Leinwand dann zu füllen versteht.

 

James, der harte, zynische und eigentlich durch nichts mehr innerlich zu erreichende Journalist, der soviel Elend und Leid gerade im Nahen Osten erlebt hat, dass sein Gefühlshaushalt für alle Zeiten abgebaut erscheint.

 

„Ich habe lange nicht mehr gelacht“. „James sprach sehr langsam, als fände er nach Jahren des Schweigens die Sprache wieder“.

 

Und nur Mahmoud Berghouti sieht und versteht, dass ein guter Teil des gerade überstandenen Lachanfalls mit bitteren Tränen versehen war.

 

Jener Mahmoud, der den Zoo in Gaza leitet. In dem nach dem 27. Dezember 2008 und der Operation „Gegossenes Blei“ durch Israel ein palästinensisches Gebiet sich im dauerhaften Würgegriff wiedergefunden hatte. Mit tödlichen Folgen für die Tiere im Zoo, gerade für die Zebras. Worauf Mahmoud sich nicht die Haare ausraufte und im Lamentieren versank, sondern getreu seiner Natur sofort einen Ausweg suchte und fand. Zwei Esel malte er an, damit die Kinder im Zoo sich weiter an Zebras (wenn auch falschen) erfreuen können.

 

Ein Akt des Umgangs mit der Katastrophe, der Beginn einer Beziehung zum Journalisten, der auch für Mahmoud noch einen nie gedachten Lernweg bereit halten wird, als er, erstmalig, nach Amerika reist. Zum „Erzfeind“.

 

Entwicklungen von Personen, die alle um das “Wiederentdecken“ kreisen, die alle auf ihre Art und Weise den Zugang zu sich, zum Mitleid, zum Leben selbst verloren hatten und, wiederum je auf die eigene Art und Weise, diese größte Kraft des Lebens wiederentdecken.

 

Wobei Michel-Amadry die Zerbrechlichkeit des „inneren Lebens“ nicht ignoriert, nicht platt mit irgendwelchen Weisheiten daher kommt, sondern filigran das Innere seiner Protagonisten auslotet. Und dabei aufzeigt, dass es kleine Dinge sind, sein können, fast sein müssen, die den Menschen in seiner inneren Verhärtung erreichen und „aufweichen“ können.

 

Eine sprachlich wie inhaltlich sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2013