Arche 2014
Arche 2014

Margaret Forster – Das dunkle Kind

 

Hinter den Gesichtern

 

Honor ist ein zurückhaltendes, stilles, eigentlich doch sehr wohlerzogen wirkendes Mädchen. Wenn sich nicht im Lauf der Erzählung herausstellen würde, dass sie sehr wohl weiß, anderen weh zu tun. Mal eben so.

 

Auch Claire, die ständig lächelt, hat so einiges hinter dem Lächeln verborgen, dem Julia nachzugehen hat. Wie bei den anderen, im  Buch erwähnten Kindern, ebenfalls, natürlich. Schlagen, Lügen, dunkle Wege gehen.

 

Julia ist Psychologin, Expertin  für solche Kinder, vor allem Mädchen.

Was, so wird sich Seite für Seite im eigentlichen Erzählstrang des Buche herausstellen, viel mit ihr selbst zu tun hat. Vor langer Zeit war sie mit ihrer Mutter doch eng vertraut mit Cousine Iris. Durfte Brautjungfer sein. Hat die Geburt des ersten Kindes von Iris miterlebt. War zu Besuch. Und hat, eines Tages, als alle im Haus beschäftigt waren, im Garten kurz auf den Kleinen aufgepasst. Den Kinderwagen ein wenig hin und her bewegt.

 

Mit Folgen, vielleicht? Hatte ihr Handeln Einfluss auf den plötzlichen Kindstod des Säuglings? Ob dem so war oder nicht spielt eigentlich gar keine Rolle, denn Julia sieht es so, seit damals. Dass sie schuldig ist. Und dieses innere Gefühl hat weitereichende Folgen für die heranwachsende und erwachsene Julia. Folgen, die Forster sehr wohl sensibel zu beschreiben weiß im Lauf des  Buches.

 

Auf einer Erzählebene des Buches, dem Ereignis von damals, dem, was an Verhältnis zwischen Julia und ihrer Mutter vorweggegangen war und dem, was Julia auf ihrem weiteren Lebensweg in sich entfaltete, geht sie all dem nach.

Während auf der zweiten Erzählebene immer wieder Fälle aus Julias Praxis auftauchen. Kindern mit offenkundigen Problemen. Kinder, bei denen es ebenso schwierig ist, einen Blick hinter die Fassade zu werfen, wie bei Julia selbst.

 

Während nun Julias Geschichte breit und sehr sorgfältig ausgestaltet vor die Augen des Lesers tritt und so, Schritt für Schritt, nachvollzogen werden kann, was zum einen damals wirklich passierte und was durch die Haltung der Mutter in Julia selbst stattfand, sind die Ereignisse der Gegenwart und der Blick auf die „dunklen Kinder“ eher ein stückweit auch assoziativ gehalten. Und wirken daher, hier und da, doch nicht klar erzählt, geben dem Leser zu wenig von dem an die Hand, was zwischen Eltern und Kindern, zwischen den Kindern und ihren „Opfern“, an den Schulen, wirklich vorliegt und passiert.

 

Hier klärt sich zwar das ein oder andere im Lauf der Lektüre, dennoch lassen auf dieser Erzählebene manche Eigenarten oder Andeutungen eher zunächst ratlos bis stutzig zurück.

 

„Du hast ihn so eifrig gestubst, dass er in den Stuhl gestürzt ist“.

„Habe ich, und zwar mit Absicht. Ich hab ihm aber nicht das Handgelenk gebrochen“.

 

Warum aber? Was ist hinter der Fassade der „glücklichen Familie“ und der so ratlos wirkenden Mutter? Fragen, die Dauern, falls sie beantwortet werden und so den Lesefluss hier und da stocken lassen.

 

Julias Geschichte vor allem aber ist, gerade auch weil sie scheibchenweise erzählt wird, intensiver und interessant zu lesen und führt den Leser ohne mahnenden Zeigefinger, einfach durch den eröffneten Blick in das Innere das Mädchens, nahe heran an all das, was man Kindern durch Haltungen und Worte für ihr Leben lang antun kann.

 

 

Ein interessanter Blick auf das, was an seelischer Entwicklung oft ganz verborgen in Kindern abläuft und wie sich da im Leben dann später niederschlägt.

 

M.Lehmann-Pape 2014