Hanser 2013
Hanser 2013

Marie-Renee Lavoie – Ich und Monsieur Roger

 

Schöne und emotional treffende Geschichte

 

Der Sprache der Autorin spürt man das Leichte, Französische und ebenso das Hintersinnige und den Sinn für die Emotion des Augenblickes durchgehend ab. Das französischsprachige Kanada scheint somit in der gesamten Atmosphäre des Romans deutlich hindurch und ergibt einen treffenden und warmen Rahmen für die (gar nicht immer warme) Geschichte einer ungleichen Freundschaft.

 

Helene ist acht. Nun ja, mal behauptet Sie auch dreist, zehn zu sein, denn den Job als Austräger der Zeitung bekommt man eben nicht unter dem Alter von zehn Jahren. In ihren Träumen ist sie vielleicht sogar vierzehn oder noch gereifter, denn im Stillen betrachtet sie sich, in Anlehnung an ihre Lieblingsfernsehserie, als französischen Hauptmann von Marie-Antoinettes Leibgarde. Ein Hauptmann, der in Wahrheit auch ein Mädchen ist. So wählt Helene den Kampfnamen „Joe“ für sich und versucht, edel und großmütig die Welt zu retten, zumindest aber einmal, sich selbst zu behaupten in all den Fährnissen des Aufwachsens.

 

Nur, dass das gart nicht so einfach ist. Bei der eigenen Familie mal angefangen. Dort ist das Geld oft knapp, doch das stillschweigende Stecken von Dollarnoten in die Börse  ihrer Mutter von ihrem Austrägerlohn lindert da gar nichts, verpufft wie ein Tropfen auf heißen Steinen.

Und auch andere Heldenversuche kommen gar nicht erst wirklich an oder werden zumindest nicht in der Form gewürdigt, wie Helene das gerne sehen würde.

 

Dabei ist sie durchaus eine starke Persönlichkeit, trägt ihre kleine Schwester nach einem harten Besuch beim Zahnarzt bis fast ganz nach Hause (weil das Geld für ein Taxi nicht reicht), fällt dabei selbst in Ohnmacht und ist doch nie wirklich im positiven Blick der Eltern. Die „Fertig aus“ Mutter (bei der die halbe Mütter-Nachbarschaft sich Erziehungsratschläge holt) setzt ausschließlich klare Regeln und ist ganz damit beschäftigt, die Familie irgendwie durchzubringen, der Vater als Lehrer wäre in moderner Sprache gesprochen der perfekte Burn-Out Kandidat. Nicht aus Überarbeitung, sondern aus innerem Leiden am Beruf, den Schülern, an all dem. Alkohol als Linderung ist eines seiner wenigen Mittel gegen die ständige Depression.

 

Gut, dass der achtzigjährige Monsieur Roger vor kurzem in die Nachbarschaft gezogen ist. Einer, den man immer fragen kann. Der für alles ein Hausmittel zu besitzen scheint und der, ohne dass Helene es zunächst bemerkt, ein wachsames Auge auf sie geworfen hat. Das würde sie sich im Übrigen auch verbitten, wenn sie es bemerkt hätte.

 

„Hallo Hühnchen! Bis ja ganz schön klein für so´n großen Sack“!

„Jaja. Pöbeleien und billige Witze – Privilegien alter Knacker, die nichts anderes konnten“, denkt sich Helene bei einer der ersten Begegnungen und lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen.

 

Und ja nicht von einem (wie so vielen im Viertel), der längere Zeit in der naheliegenden psychiatrischen Anstalt verbracht hat.

 

„Oh ja Dreißig Jahre in dieser miesen Klapse, verfluchte Scheiße“!

„Und, bist du geheilt“?

„Natürlich nicht“!

 

Und dennoch wird sich langsam eine Vertrautheit hinter dem rauen Umgang entwickeln, auch im Ertragen der übergewichtigen Nachbarin, der kleinen und größeren Vorfälle im Umfeld, im Erleben des Todes, in diesem ganzen „sich alleine durchschlagen“, das Helene, bravourös und empfindsam durch Lavoie geschildert, mit großer Klappe und großem Herzen bewältigt. Und Roger wird es sein, der sie Sensibilität des Mädchens in ganzer Fülle erkennt und sie wird es sein, die dem alten Mann nahe genug ans Herz rückt, dass dieser wieder eine Aufgabe im Leben sieht.

 

Direkt und klar schreibt Lavoie, setzt auf gelungene Situationskomik, präzise und „coole“ Dialoge und versteht es, allen Protagonisten mit wenigen Federstrichen fassbare Dimensionen zu verleihen. Das Ganze dann noch eingebracht in eine einfach schöne Freundschaftsgeschichte und ohne die Härten des Lebens zu vernachlässigen.

 

M.Lehmann-Pape 2013