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Marina Lewycka – Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere

 

Es sich passend machen

 

In drei Erzählsträngen legt Marina Lewycka ihren neuen Familienroman vor, in dem durchaus der ein oder andere Hamster und das ein oder andere Kaninchen eine zwar nicht tragende, doch ebenso auch nicht unwichtige Rolle spielen werden. Eine Rolle zumindest, an der Lewycke das Verhalten und die Werte ihrer Protagonisten durchaus zu spiegeln versteht. Es ist kein Zufall , dass die stets „verantwortliche“ die schon als Kind „erwachsene“ Clara bei ihr anvertrauten „Kleintieren“ da kein gutes Händchen besitzt.

 

Serge, Bruder Claras, Sohn von Doro und Marcus demgegenüber ist eigentlich Mathematikstudent und mit seiner Promotion beschäftigt gewesen, als ihn diese Tradinggesellschaft an Bord holt.

 

Das liegt Serge, sogar überaus erfolgreich ist er. Vor allem aber liegt ihm Maroushka, Kollegin, der er sich auf diversen Pfaden versucht, zu nähern. Und dennoch wird ihm im Lauf der Zeit unmissverständlich und auf die harte Tour klar werden, dass diese Welt korrumpiert.

 

Alles zunächst  kein großes Problem, wenn da nicht Serges Mutter wäre. Doro.

Damals mit hineingerutscht in die wilde Zeit Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Hippieleben. Liebe zu Marcus, mit dem sie bis heute noch zusammen ist. Und wenn beide sich nun nicht in den Kopf gesetzt hätten, zu heiraten. Bürgerlicher Kram, jahrzehntelang verpönt, doch das dritte Kind der beiden, mit einem Down Syndrom geboren, ist nicht ganz das leibliche Kind, daher braucht es eine Heirat, um jene Oulie absichern zu können.

 

Diese familiären Umtriebe stehen leider nicht im Mittelpunkt des Romans, die in einem regen Aufeinandertreffen gelegenen Spannungsmöglichkeiten werden im Buch wenig thematisiert. Jeder der drei Personen (Doro, Clara, Serge) folgt die Autorin auf ihren je eigenen Pfaden mit gelegentlichen §Nebenblicken „und eher oberflächlichen Zusammentreffen.

 

So liegt letztendlich ein Roman über verschiedene Figuren mit einer ganz eigenen Prägung und Ausrichtung Ihres aktuellen Lebens vor, die in ihren Werdeg#ngen und ihrem aktuellen Erleben geschildert werden.

 

Spannend gelingt dies im Blick auf Serge. Der den Kopf mit Maroushka voll hat, seinem engsten Freund helfen muss und eine offene Restaurantrechnung im 5stelligen Bereich vor sich liegen hat.  Und daher beschließt, , ein wenig, aber nur ein wenig, in die eigene Tasche zu wirtschaften. In einer treffend auf den Punkt gebrachten „Finanzatmosphäre“.

 

Bleibt wohl doch wieder alles an Arbeit mit der Hochzeit an Clara hängen, Lehrerin mit Anspruch und Idealen. Vermeintlich. Eine, die sich immer zu kümmern hatte, schon damals in der Kommune.

 

Bis heute empfindet sie dies so und sieht doch (klug und hintergründig dargestellt) nicht, dass in ihr eigentlich anderes brodelt und all ihre Vorhaltungen an Serge, die Kollegen und die Welt doch auch ein Spiegel ihrer eigenen Unzufriedenheiten sind.

 

Während Doro, die Mutter mehr und mehr in Erinnerungen versinkt und die damalige Zeit wieder auferstehen lässt. Nicht als begeisterte Reminiszenz, eher als durchaus kritische Abrechnung steht dieser erinnernde Erzählstrang im Buch.

 

Ein umfassendes Bild einzelner, familiärer Personen. Ein überaus interessanter und in Teilen auch spannender Erzählstrang über die Atmosphäre, die Persönlichkeiten und den Weg des Serge in der „Haifisch“ Finanzwelt nachzeichnet.

 

Jene Seiten des Romans, die sich mit Clara beschäftigen, fallen dagegen ein stückweit ab. Mehr als ein leicht dumpfer Provinzialismus in Leben, in weiten Teilen aber auch im Denken Claras, verbleibt von dieser Seite der Geschichte her kaum. Auch (oder gerade) weil jene Clara ist es, die letztlich „das ganz normale“, „kleine“ Leben abbildet.

 

Alles in allem ein gut zu lesender, in manchen Teilen sehr anregender Roman, der zwar einige Längen und die ein oder andere nicht mitreißende „Lebensbeschreibung“ bietet, dennoch aber seine Reiz im Aufeinandertreffen von „68er“ Werten und moderner Egomanie auszuspielen vermag.

 

M.Lehmann-Pape 2013