dtv 2014
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Martin Grzimek – Tristan

 

Umfassender Ritterroman als Jugendbuch

 

Die alte Sage von Tristan und Isolde findet sich vielfach in Sammlungen von Sagen und Legenden. Mit dem Hauptaugenmerk auf den „Liebestrank“, die tiefe, romantische, „verbotene“ Liebe zwischen Tristan und Isolde, die eigentlich dem alternden König Mark versprochen ist, mitsamt dem Ende der beiden Gräber nebeneinander, von denen sich Rosen erheben und jeweils auf das Grab des Geliebten, der Geliebten sich niedersenken.

 

Ganz und gar nicht alleine mit diesem Schwerpunkt, sondern sehr viel breiter in der Anlage der Erzählung, bietet Martin Grzimek seinen Jugendroman dar.

Nicht allein die Liebe zwischen Tristan und Isolde bietet den Mittelpunkt dieses Romans (obwohl diese natürlich vorkommt, später aber erst), sondern in ganz hervorragender, sehr flüssiger und bildkräftiger Sprache erzählt Grzimek vom Rittertum.

 

Vom Aufwachsen des Tristan, von Schlachten und Kämpfen, von Tod und Verderben, von den Tugenden eines Ritters und dem schrittweisen Heranwachsen zu einem solchen.

 

Eine Geschichte, die Grzimek aus vielen Ereignissen heraus zusammenstellt und die ihm den Rahmen für eine breite Reise durch das Mittelalter und Rittertum, durch Landschaften und Städte, durch Machthaber und Ideale, durch Handwerke und den Weg zum Ritter in dieser Zeit bietet.

 

Das alles durchaus spannend und anregend erzählt, so dass dem Leser die Person des Tristan und das, was er verkörpert durch Höhen und Tiefen von Kindheit an umgehend nahe rückt. In einer Zeit auch der Intrigen, der Machtpläne, der Eigeninteressen.

 

„Marke musste sich setzen. Er ahnte, welchen Fehler er begangen hatte: seinen Leuten zu vertrauen, dass sie ihm helfen würden, mit ganzer Seele………so edel und ehrlich zu handeln wie er selbst“.

 

Marke, der seine Schwester sucht, die einzige Frau, die er bis dato geliebt hat. Marke, dem Isolde zugeführt werden soll. Tristan, der Isolde liebt (und diese ihn) und der diese Liebe nicht lässt, wie es eigentlich „schicklich“ gewesen wäre.

 

Weil er ist, wie er ist. Weil er erlebt hat, was er erlebt hat. Und weil er selbst in der Niederlage noch den Kopf aufrecht hält und seine Konsequenzen zieht. Weil er nicht einfach nur jemand ist, der mit Schwert und Trinkbecher umzugehen versteht, sondern zu tieferen Gedanken, zu grundsätzlichen Haltungen fähig ist.

 

Wie dieser Tristan zu dem geworden ist, was er ist. Wie er seinen Weg sucht in und um König Marke herum und wie das alles endet, auf gut 950 Seiten erzählt Grzimek in vielfachen Wendungen und mit vielfachen Personen ebenso, wie er Perspektivwechsel nutzt, um die Geschichte hier und da von verschiedenen Seiten aus voran zu bringen.

 

So verbinden sich letztendlich zwei Motive in diesem Entwicklungsroman. Zum einen eine interessante und breite Sicht auf die damals „bekannte Welt“ (eingerahmt durch eine umfassende Reise des jungen Tristan mit seinem Mentor Courvenal) und zum anderen die Motive der klassischen Sage im engeren Sinne (die Suche nach Isolde, die verbotene Liebe, die Loyalitätskonflikte gegenüber König Marke) zu einem doch spannenden und gut lesbaren Ganzen. Obwohl 950 Seiten viel Raum lassen auch für die ein oder andere Länge, eine gewisse Straffung hätte dem Buch gut zu Gesicht gestanden.

 

 

Alles in allem ein guter, unterhaltsamer und zudem lehrreicher Ritterroman, den Grzimek mit viel Akribie in (teilweise doch zu) epischer Breite verfasst hat.

 

M.Lehmann-Pape 2014