Matthes und Seitz 2016
Matthes und Seitz 2016

Mathias Énard - Der Alkohol und die Wehmut

 

 

Der Protagonist und Autor des vorliegenden „Poems vor Jeanne“ lebt in Paris und sehnt sich zurück nach seiner Freundin, die ein Auslandsjahr in Moskau verbringt, wo sie einst gemeinsam Wladimir kennenlernten. Er vermutet, dass Jeanne nun mit ihm lebt, denn er hat schon seit drei Jahren nichts mehr von ihr gehört, doch dann schreibt sie ihm endlich den langersehnten Brief und er schöpft wieder Hoffnung - und setzt sich in die Transsibirische Eisenbahn, allein mit seinen Erinnerungen. Angelehnt an Tschechows Zitat von der russischen Seele, deren einzig greifbares Alkohol und Wehmut  und die Leidenschaft für Pferderennen sei, begibt sich der Romanheld Mathias – der auch im Roman so heißt, was autobiographische Züge vermuten lässt – auf die Spuren nach einem unentdeckten Land, das für Westeuropäer so gewaltig groß wie unverständlich ist. Moskau nennt er die „Stadt der tausunddrei Kirchtürme und sieben Bahnhöfe“ und Russland das Land, „in dem man 9000 Kilometer zurücklegen kann, ohne seinen Arsch aus seinem rumpelnden Abteil zu bewegen“.

 

Liebe ohne Revolution

 

In Trotzkis Waggon habe es alles gegeben: eine Bibliothek, einen mit Karten tapezierten Generalstabsraum, eine Druckerei, motorisierte Soldaten. Die Revolution hätte damals alles zermalmt und Mathias sehnt sich nach etwas Ähnlichem für seine Generation, die sich stattdessen - mangels eines Ideals - in Drogen und Alkohol ergibt. „Selbst verspätete linksradikale Heldentaten hätte ich den Studentenbuden in Paris und anderswo vorgezogen. (...) Kerouac, Cendrars oder Conrad erfüllten mich mit dem Verlangen nach einem unendlichen Aufbruch, nach unterwegs geschlossenen Freundschaften auf Leben und Tod und nach verbotenen Substanzen, um uns dorthin zu bringen, diese außergewöhnlichen Momente unterwegs zu teilen, um in der Welt zu verglühen, wir hatten keine Revolution mehr, uns blieben nur die Illusionen der Reise, des Schreibens und der Drogen.“ Mathias reflektiert über das fremde Land und seine Liebe, aber auch über den Kutscher, der die Leichen der Romanows auf den Friedhof brachte.

 

Wehmut und Genesung

 

Die Prosafassung des gleichnamigen hundertminütigen Hörspiels, das in der Transsibirischen Eisenbahn zwischen Moskau und Nowosibirsk geschrieben wurde, wurde im Juli 2010 von France Culture erstmals ausgestrahlt. Der Roman sowie das Hörspiel erinnern in seiner Konzeption etwas an den legendären Roman Venedikt Erofeevs „Moskau Petuschki“, das 1970 entstand und ist auch sonst voller Anspielungen an die russische Literatur und einer kleinen Hommage an den österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard. Die tatsächliche Reise wurde von Mathias Énard im Rahmen des Frankreich-Russland-Jahres von Cultures France ermöglicht.

 

 

Jürgen Weber 2017