Hanser 2016
Hanser 2016

Mathias Enard – Kompass

 

Den Orient näher rücken lassen

 

„Die Zukunft war so strahlend wie der Bosporus an einem schönen Herbsttag“.

 

Damals, heißt das, was die Zeitabfolge im Roman angeht. Und nicht nur aus einem fernen Urlaub her kennt Franz Ritter diesen „Herbsttag“. Tief verbunden ist er mit dem Orient und das auf verschiedenen Ebenen, die im Roman zu Wort kommen, in denen Ritter in einer schlaflosen Nacht persönliche Erinnerungen an seine große Liebe, künstlerische Verbindungen zwischen Orient und Okzident, Beziehungen von Menschen Revue passieren lässt.

 

„Es gibt im Leben Wunden, die wie die Lepra langsam in der Einsamkeit an der Seele zehren“.

 

Für Ritter ist seine unerfüllte und dennoch auch in der Gegenwart des Romans „brandaktuelle“ Liebe zu jener Sara, Wissenschaftlerin der Orientalistik. Und über dieses Nachdenken und in diesem stillen Resümee seines Lebens in der Nacht lässt Enard seinen Protagonisten tief eintauchen in das „große“ Verhältnis der Kulturen, der damaligen „Orient-Begeisterung“, der vielen Schriftsteller, Denker, Künstler, die ihrer je eigenen Faszination Ausdruck verliehen haben. Wobei die eigentliche „Liebesgeschichte“ zwar mitschwingt, aber nicht die Hauptrolle in dieser Aneinanderreihung von Betrachtungen spielen wird. Und sich, zudem, der genaue Sinn dieser „Liebe“, im Laufe der Lektüre wenig erschließen wird.

 

Hier scheint Enard diese Linie nur zu verfolgen, um immer wieder Anknüpfungspunkte für seine kulturellen Schilderungen zu finden.

 

Für den Leser ist dies nicht immer ohne Anstrengung, sich mit Enard (ohne moralischen Zeigefinger, ohne weltanschauliche Reibungen, ohne religiösen Wahn) in das Gefühl, in die Emotion der Begegnung zu bewegen.

 

Viele Werke der Weltgeschichte unter neuem, „orientalischem“ Licht vor Augen geführt zu bekommen und dabei, im Lauf des Romans, jene „künstlerische“, jene kulturellen Begegnungsmöglichkeiten zu erleben, die aus der gegenseitigen „Befruchtung“ je entstanden und nicht aus den Tendenzen der Abgrenzung, wie sie heute so oft das Bild der Diskussion bestimmen.

 

Wobei Enard nicht in einer teils fast assoziativ die Erzählebene wechselnd poetischen Bildersprache a la „1001 Nacht“ sich ausbreitet, sondern durchaus in all den Bezügen in seinem bildreichen Stil auch das Profane, die Gegenwart in den Blick nimmt.

 

„…zurück am Checkpoint ließen die beiden Rekruten die schwere Kette genauso phlegmatisch herunter wie auf dem Hinweg. Es ist unheimlich, wenn man daran denkt, dass die Panzer und Maschinengewehre, die wir beim Manöver sahen, heute dazu dienen……ganze Städte zu vernichten und ihre Einwohner zu massakrieren“.

 

Eine anregende, intensive Sprache und eine kaum zählbare Zahl an Kunstgeschichte(n), an Künstler von Goethe über Mozart bis Cervantes und den „eher missglückten Abenteuern Germain Nouveaus“.

 

So entsteht zum einen ein eher assoziativ verfasster, in den Sprüngen nicht immer einfach zu lesender, durchaus aber informativer Roman, bei dem die vielfachen Bezüge zu jener „Herzensoffenheit“ und künstlerischer Inspiration durch den Orient durchaus zu fesseln vermögen.

 

Was im Gesamten nicht immer einfach zu lesen ist, aber vermittelt, wie viel mehr da war und sein könnte als Machtpoker, Ausgrenzung, „Kampf der Kulturen“ und wie man all das in der Gegenwart noch nennen kann.

 

Eine anspruchsvolle, gelehrte, sprachlich überzeugende Lektüre, die den „Kompass gen Osten“ ausrichtet, aber auch ihre Längen und in Teilen weniger interessanten Buchseiten in sich trägt.

 

 

M.Lehmann-Pape 2016