dtv 2014
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Matt Ruff – Mirage

 

Auf den Kopf gestellt

 

Natürlich reibt der Leser sich zunächst Seite für Seite verwundert die Augen, über diese „auf den Kopf gestellte“ Welt, die Ruff vor seinen Augen entfaltet.

 

Vielfach bekannte Personen, Ortsnamen, die Welt ist geographisch schon noch die allseits bekannte und vertraute, aber doch in ihren Kulturen und Gesellschaftsformen ganz anders. Eine, vor allem, religiös geordnete Welt unter umgekehrten Vorzeichen der Macht.

 

Die „Vereinigten Staate von Arabien“, VSA, sind die vorherrschende Großmacht.

In Bagdad flogen 2001 die Flugzeuge in die Wolkenkratzertürme, gesteuert von christlichen Terroristen, der Golf Krieg fand um Texas herum statt, Saddam ist zwar eine große Nummer, aber nicht „die große Nummer“ (und den Irak gibt es hier gar nicht, genauso wenig, wie die USA).

Osama bin Laden geht seinen Ideen nach, aber in anderer Form.

Die realen USA sind aufgeteilt in christlich orientierte und glaubensgeführte Staaten und Königreiche, die „CSA“, christlichen Staaten von Amerika, wurden über Jahrzehnte hinweg von Lyndon B. Johnson geführt, sind aber zur Zeit doch unter „Kontrolle“ der islamischen Großmacht Arabien (soweit man von Kontrolle sprechen kann).

Während Israel nicht in Palästina, sondern in der Mitte Europas anzutreffen ist und (wie immer subjektiv bestens begründet), Wien bombardiert, um seine Sicherheit zu gewährleisten.

 

All das führt Ruff sehr dezidiert auf, bietet (statt Wikipedia) ein um das andere Mal erläuternde Artikel der „Freien Enzyklopädie Alexandria“, stellt das FBI und die bekannten amerikanischen Geheimdienste in Arabien quasi nach, lässt Vernunft auf Fanatismus und weltliches Leben auf religiöse Dogmen treffen, führt den Leser in eine fiktive Welt des „modernen Islam“ ein, die er sehr interessant darstellt.

In eine Welt im Gesamten, die, überall auf ihre (destruktive) Weise, meint, „Gottes Willen§ zu kennen und (natürlich alleine) erfüllen zu können.

 

Und so rollt Ruff, Seite für Seite in kräftiger und sprachlich verständlicher Form vor den Augen des Lesers auf, wie es ganz anders sein könnte. Und das sehr realistisch und glaubhaft geschildert.

 

In diese Welt drängen „Artefakte“. Nachrichten scheinbar aus einer Parallelwelt (jener, die wir kennen), in der alles ganz anders ist. Seine Auflösung aber ist nicht die einer Fata Morgana oder eines Traumes einzelner der Beteiligten, die wirkliche Auflösung dieser Zweitwelt (oder ist sie doch das Original) überlässt er in gewichtigen Teilen letztendlich der Fantasie des Lesers.

 

Die er hier und da arg strapaziert (wenn der „Dschinn“ mit seiner „Flasche“ auftaucht), dennoch aber stets als spannenden Spionage-Thriller (über drei Agenten des „Halal“, eine Art arabisches FBI, welche der Spur der Artefakte folgen, um deren Herkunft zu klären) und Geschichte von Menschen, die ihre Freiheit zu schätzen wissen, wunderbar erzählt.

In dieser Welt, die vielleicht nur ein „Bluff“, ein „Mirage“ ist (wie jener Geheimdienstler hofft, der in unserer Welt Vizepräsident gewesen wäre, „da drüben“ aber eher nur ein kleines Licht darstellt).

 

All dies dient, zusammengeführt, in vielfacher Hinsicht der Illustration eines von Ruff´s Kernsätzen im  Buch: „Ein böser Fürst in EINER Welt ist ein böser Fürst in JEDER Welt“.

 

Was Ruff nachhaltig und fantasievoll, wenn auch mit eher merkwürdigem Ende, in diesem Buch breit und lebhaft entfaltet.

 

Wobei, auch das sei erwähnt, ihm hier und da die Freude am Detail durchgeht.

Längen tauchen im Buch im Lauf der fortschreitenden Lektüre doch mehr und mehr vor allem da auf, wo Ruff manche fiktive Historie einzelnen Länder und der Verhältnisse ungebremst zu breit ausformuliert.

 

 

Alles in allem  aber ein realistisch konzipiertes Feuerwerk der Fantasie mit einer sehr genau ausgeformten „Welt andersherum“ und einer spannenden Spionage-Verfolgungsjagd, das aber zeitweise in Kleinteiligkeit und Fantastik überzieht.

 

M.Lehmann-Pape 2014