Berlinverlag 2015
Berlinverlag 2015

Matthew Thomas – Wir sind nicht wir

 

Sicherheit oder Glück, Traum oder Illusion?

 

„Sie musste so viel so viel aus dem System herausholen, wie nur irgend möglich, denn irgendwann würden die Kosten für ….. Pflege in die Höhe schnellen“.

 

Es ist in ungefähr in der Mitte des Buches, als diese Überlegungen den Raum betreten.

 

Und eine Diskrepanz des Lebens aufweisen, die „den ganz normalen Menschen“ (nicht nur aber gerade und vor allem) im Amerika zur Mitte des letzten Jahrhunderts begleitet, eine Diskrepanz der Reibung zwischen den inneren Wünschen und der Prägung eines verankerten „Strebens nach Glück“ und eines „alles ist möglich“ einerseits und der Realität (nicht nur) jener Jahre auf der anderen Seite.

 

Hat es denn Eileen nicht geschafft? Ist sie nicht der Enge und einer gewissen Trostlosigkeit ihres Aufwachsens entkommen und hat in Ed einen guten Ehemann (mit Aussichten) gefunden, ist das „Glück“ der Familie nicht komplett durch den Sohn?

 

Fast dreißig Jahre wird Ed irgendwann bereits bei der Stadt New York gearbeitet haben. Ein Zeitraum, der Sicherheit vermitteln kann. Oder könnte. Je nachdem. Denn nur wenn es reibungslos läuft, nur wenn kein Schicksal und keine negativen Kräfte auf das Leben einwirken, nur dann kann man wirklich bestehen in diesem „Land des Glücks“.

 

Und schnell kann das alles in Gefahr geraten, bedrängt werden, vorbei sein.

 

Gespickt mit autobiographischen Elementen gelingt es Thomas im Verlauf des Fortschreitens der Geschichte, nicht nur sensibel seine Personen in all ihren inneren Verästelungen, Hoffnungen, Unsicherheiten und ihrem „Tasten durch das Leben“ nachzugehen (mitsamt persönlicher Dramen und langsam fortschreitender Auflösung einer der Personen), sondern damit auch ein mehrdeutiges Bild des Lebens sensibel zu schildern.

 

So, wie im Buch eine der Hauptfiguren „wegfließen“ wird, langsam, aber stetig, so fließt ja auch ein bestimmter Lebensstil (nicht nur) in Amerika weg, so werden ja täglich (und das nicht erst in den letzten Jahren) Hoffnungen begraben und das Bemühen um das reine Überleben, ein gewisses „bei sich bleiben“ greift um sich. Welches Thomas im Buch auf eine persönliche Ebene verlagert, welches aber dennoch auch in einem größeren Rahmen zu sehen sein kann.

 

So tastet sich Thomas in ruhiger, stetiger Sprache (und ohne größere Längen im Buch einbrechen zu lassen) dem „Verlust des Ich“ entgegen. Diesem „Wir sind nicht wir“, wenn der Körper, die Gesundheit, der Geist, die Umstände auch zu hohen Druck aufbauen.

 

Eine langsame Fieberkurve des Lebens, die zunächst stetig, wenn auch in kleinen Schritten, nach oben führt, in der Thomas die eiserne Energie seiner Eileen schildert, aus den beengten und unglücklichen Verhältnissen ihrer eigenen Familie „herauszuwachsen“.

 

„“Auf ein neues Haus“, sagte sie. Ed sah sie an: „Viel Glück!“.

 

Und doch kommt es anders, nicht wie gedacht, nicht wie geplant. Auch wenn Eileen sich selbst hinten an zustellen gelernt hat, gegen die „Macht des Schicksals“ wird sie nicht viel ausrichten können und im Angesicht der teils einfach auch erbarmungslosen Umstände in der Gesellschaft jener Jahre wird alle Findigkeit immer wieder doch auch ihre Grenzen finden in diesem episch angelegten Familienroman über den Versuch, sein Leben im „Glück“ zu sichern.

 

Mit der Besonderheit, dass Thomas die inneren Entwicklungen seiner Protagonisten, ihre Veränderungen, ihre Hoffnungen, die Art, wie sie die Schläge des Lebens nehmen und welchen Umgang sie innerlich mit all dem finden werden minutiös, detailliert, empathisch und sehr lebendig schildert.

 

Insgesamt gelingt ein präziser Blick auf das bürgerliche Leben, die inneren Distanzen, die Hoffnungen auf ein ständige vorhandenes „wenn erst…. Dann aber“. Eine Haltung, die nicht zum wirklichen Glück führen wird und, vielleicht, liest man Thomas Beschreibungen im Hintergrund mit, gar nicht zum Glück führen kann, weil man an der falschen Stelle danach sucht.


M.Lehmann-Pape 2015