C.H.Beck 2018
C.H.Beck 2018

Matthias Göritz – Parker

 

In sich verzahntes Getriebe der (möglichen) Macht

 

Drei Ebenen sind es, die Göritz ins einem neuen Roman eng verzahnt auf den Weg schickt.

 

Das erste ist das Leben der modernen „Erfolgs-Nomaden“. Irgendwie was auf die Beine stellen, ein Buch schreiben, kurzen Erfolg haben und diesen lange und weidlich ausnutzen. Bestens gekleidet, sich um vieles an Verpflichtungen (auch Mieten und Rechnungen, wenn es dann finanziell mal eng wird) herumdrücken, Hauptsache, das Image stimmt noch (für eine Weile) nach außen und der Rezeptionist des Hotels, in dem man abgestiegen ist, nagelt einen genauso wenig auf die eigenen Kreditkarten fest, wie die Universität in New York, bei der sich Mietschulden anhäufen.

 

Das zweite ist der Griff nach der Macht. In Deutschland. Mit aller Bigotterie, mit aller kühlen Planung und dem dazu notwenigen, genau richtig getimten Auftreten. Wozu Parker, der „Nomade“ Mahler, dem „Shooting-Star der Nord-SPD“ (nur aus karrieretaktischen Gründen, wohlgemerkt, ist man dieser Partei beigetreten) dringend verhelfen soll.

 

Und das dritte ist die Macht der Worte, der Rhetorik. Wohlgesetzt, um genau das zu transportieren, was gewünscht ist. Eine Person, einen Politiker „zu machen“.

 

Alles Dinge, die am Ende, das dringt hintergründig durch diesen Roman, wenn Parker sich erinnert und seine „Liebesgeschichte“ im Rückblick erzählt, aus der Sehnsucht nach Nähe und Liebe heraus entstehen. Und der zugleich Unfähigkeit, sich dieser zu stellen und hinzugeben.

 

Denn selbst das einschneidende Erlebnis, dass Parker ertragen werden muss, was geneigt wäre, tiefgreifende Erkenntnisse und eine gewisse Läuterung hervorzubringen, ja, dass sogar die Liebe richtig ins Leben setzen könnte, hat am Ende wohl nicht genügend Kraft für eine Echte „Anders-Besinnung“.

 

Während also über die größte Strecke des Romans hindurch Parker, der auch bei Obamas Kampagne am Rande mitgewirkt hat, der ein Werk über Rhetorik verfasste (und ihn damit zur „Kraft der Worte“ im Sinne eines „Images“ prädestiniert) dringend einen Vertrag bekommen möchte (am besten mit hohem Vorschuss) und jede Menge edle Kleidungsstücke und Marken ihn ein Stück selbstverliebt durch den Kieler Winter treiben (das erinnert in Teilen durchaus an eines der Stilmittel von „American Psycho“), erhält er tieferen Einblick in die Persönlichkeit des „neuen Politikers“, als ihm lieb ist.

 

Vor allem, als es ein wenig vor die Wand läuft, Eifersucht das traute „Dreisame“ stört und Parker von jetzt auf gleich in rigider Art und Weise benutzt werden soll.

 

Das alles ist einprägsam geschrieben, hat durchaus Tempo, steht aber, gerade zum Ende des Romans hin, auch ein stückweit unverbunden nebeneinander. Ganz schlüssig und logisch ergeben sich jene schicksalhaften Wandlungen nicht unbedingt und zu stereotyp sind Haltungen „im Knast“ und eder sogenannter „Mentoren“ dann auch beschrieben.

 

Vor allem aber ein Mehr an politischem „Theater“ wäre wünschenswert gewesen, denn gerade in dieser Analyse trifft Göritz immer wieder prägnant den Punkt. Der eine Politikverdrossenheit sehr grundsätzlich begründet und dessen Blaupause man ohne Weiteres auf einen nicht geringen Teil des politisch-prominenten Betriebes in Berlin und den Ländern anlegen kann. Mit den perfekt geschnittenen Anzügen und Kostümen, mit den Scheuklappen des eigenen Aufstiegs versehen und erschreckend blutleer und inhaltslos. Aber ums Image äußerst bemüht und professionell in dieser Richtung unterwegs.

 

Dieser Strang des Romans kommt am Ende leider nicht nur ein wenig zu kurz und wird viel zu abrupt und wie nebenbei abgeschnitten. So das ein Vergleich, wie hier und da propagiert zu „House of Cards“ in machtpolitischer Dichte doch arg überstrapaziert klingt.

 

Dennoch, im Gesamten trifft Göritz eine zentrale Neigung der Gegenwart und bietet auch nicht vorschnell irgendwelche Antworten, die es besser machen würden.

 

Die Korrespondenz des unstetigen und rein äußerlichen im Leben der aktuell Erfolgreichen (oder zumindest der scheinbar Erfolgreichen) mit dem, was sie selbst als politische Kräfte mitformen und mit aufbauen ist das, was dem Leser vor allem in diesem Roman vor Augen geführt wird.

 

 

Mitsamt eines Versuchs der inneren Begründungen, warum das eigentlich alles so stattfindet in einer veräußerlichten Welt, der Fakten weniger Wert als Erscheinungsbilder und griffige Slogans zu sein scheint, der durchaus plausibel erscheint.

 

M.Lehmann-Pape 2018