Hanser 2015
Hanser 2015

Max Porter – Trauer ist das Ding mit Federn

 

Aktive Trauerarbeit der anderen Art

 

Vielfach sind die Bezüge auf Werke anderer Autoren, die Max Porter in seinem schmalen Band über die Trauer und den (notwendigen) besonderen Beistand gegen diese im Buch aufgreift. An erster Stelle sei Ted Hughes mit seinem lyrischen Werk „Crow“ genannt.

 

Aber in erster Linie sollte es keine sonderlich große Rolle spielen, im Text dem nachzugehen , wem Porter was entlehnt hat.

Denn überaus eigenständig, in ganz besonderer, postmoderner Sprache führt der Autor in seinem Debüt den Leser mitten hinein in einend er privatesten Bereiche menschlichen Seins, dieser herzzerreißenden, kaum zu haltenden Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen.

 

Und das durch jene Krähe, die mitten im frischen Verlust an der Tür der „Restfamilie“ klingelt in zunächst unangenehm und unangemessen wirkender, respektloser Sprache, letztlich aber in genau der richtigen Unverfrorenheit, die Dinge beim Namen zu nennen, auch die menschlich entblößenden Dinge.

 

Eine Entwicklung, die damit in Gang gesetzt wird, die durch alle Gefühlslagen der akuten Trauer und, späterhin, der immer noch nicht gebannten, aber „nach hinten“ rutschenden Trauer führt.

 

Und das bei allen Beteiligten. Eine Krähe, die dem Vater und den beiden Jungen Hilfestellung auf ihre Art geben will, die solange bleiben wird (sagt sie), bis das Leben wieder fließend möglich ist (und das wird dauern). Die auf „Monogamie“ genauso pocht (ein Witwer heiratet nicht mehr), wie auf „Vögeln“ (irgendwann muss der Mann sich ja wieder den körperlichen Freuden des Lebens hingeben).

 

Die als Krähe im Abfall wühlt, Aas nicht unbedingt verschmäht, einen riesen Lärm manches Mal veranstaltet und dennoch ihr Ziel immer fest im Blick hält. Auch wenn Sie bei ihrem ersten Auftritt erst einmal die Bettdecke lüftet und den Schnabel gefährlich nahe an die Geschlechtsorgane des Mannes bringen wird.

 

„Wir werden unser Haus mit Spielzeug und Büchern füllen und heulen wie nicht aus der Krippe abgeholte Kleinkinder“.

 

Es sind solche Sätze, die dem Leser einen unvermittelten, hoch emotionalen Zugang zu jenem bedrückenden Feuerwerk an Emotionen ermöglichen, die in der Trauer losgetreten wurden. Emotionen, die Entwicklungen nehmen, bei denen man gar nicht entscheiden kann, ob der innerliche Kampf oder der manches Mal fast zynische Bearbeitungsprozess der beiden Kinder mehr beeindruckt.

 

„Wo sind die Löschwagen? Wo ist der Lärm? Wo ist das Geschrei bei diesem Vorfalle“, jetzt, wo die beiden „andere Jungs“ geworden sind, „die tapferen neuen Jungs ohne Mum“.

 

Was die Krähe keinesfalls in Melancholie stürzen wird, im Gegenteil.

 

„Er war ein Unfallüberrest, und da wusste ich, der beste Gig überhaupt, ein Riesenspaß- Ich setzte meine Klauen auf einen Augapfel und erwog Ausstechen, aus Jux oder Mitleid“.

 

Ein Gig. Unverfrorenheit. Ausgedrückt durch assoziativ-direkte Gedanken und Handlungen.

 

Die zunächst beim „so trauert man richtig“ Vater auf Widerstand stoßen, aber dann, wie die Trauer selbst, die verschiedenen Gefühlsstadien durchläuft. Vom schreienden Aufbegehren gegen den Verlust über dumpfe Melancholie, vom hektischen „Tat-Ansatz“ (nun ein bester Vater werden zu müssen) hin zu Selbstmitleid hin zu Abarbeitung an der direkten, Wunden aufreißenden Art der Krähe bis zum tastenden, inneren Frieden mit dem Geschehen.

 

Das Ganze auf in der deutschen Fassung in einer kongenialen Sprache und damit kongenialen Übersetzung ins Deutsche, die es dem Leser nie „einfach so“ zugänglich macht, was Wahn, was Albtraum und was reale Entfaltung ist. Eine Sprache, die die Holprigkeit der Trauer mit aufnimmt, in welcher die Figuren der Geschichte dem Leser mal nahe, mal sehr entfernt sind.

 

Anspruchsvoll und literarisch nicht handzahm zugänglich, weder in der Form noch im Inhalt.

 

„Ich hätte ihn auch rückwärts über den Stuhl biegen können und ihm intravenös saure Bulletins des realen einstündigen Sterbens seiner Freu zuführen können. Andere Vögel hätten es getan, es gibt kein gutes Böses im Königreich. Also los jetzt. Ich glaube an Heilmaßnahmen!“.

 

Bis es hießt: „Trauern wirst Du weiterhin, aber dazu brauchst du keine Krähe“.

 

Und der Leser am Ende der Geschichte auch. Wenn auch anders und mit anderem Ausgang versehen, als vorher gedacht.


M.Lehmann-Pape 2015