Droemer 2016
Droemer 2016

Mechthild Borrmann – Trümmerkind

 

Ruhige erzählte Zeitgeschichte mit kriminalistischen Elementen

 

Seit noch nicht langer Zeit wendet sich der Fokus einiger Neuerscheinungen jener Zeit und jenen Ereignissen zu, in denen für die Beteiligten Trauma um Trauma vorrangig geschehen sind.

 

Die Zeit unmittelbar nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, die Energie, die es brauchte, um als Person aus den „Trümmern“ irgendwie wieder ein Leben zu gestalten oder die „Nachwehen des Krieges“ überhaupt zu überstehen, zu überleben.

 

Auf drei verschiedenen Erzählebenen, die alle miteinander zusammenhängen werden, führt Mechthild Borrmann den Leser dabei in ihrer ruhigen, an den richtigen Stellen distanzierten, durchaus aber jederzeit die Dinge klar benennenden Sprache sehr realistisch in die damalige Zeit hinein.

 

Sei es der Gutsbesitzer im Osten, der das Heranrollen der Roten Armee am Horizont sieht, der sich in Gedanken bereits mit dem Wiederaufbau beschäftigt, Familie, Tiere und Gutshaus sichert und dann umgehend verhaftet wird und verschwindet.

 

Oder seine Tochter Clara, die sich eher unbedarft nach dem Vater erkundigen will und bei der Rückkehr feststellen muss, das erst durch ihr Erscheinen im Dorf Soldaten auf die Idee kamen, dass auf dem Hof noch Menschen sein könnten. Eine Erkenntnis, die Folgen hat. Folgen, die zwei der dort verweilenden jungen Frauen bis ans Ende ihres Lebens nicht mehr ganz verarbeiten werden können.

 

Und Borrmann schildert ungeschminkt, was Clara da an brutaler Folge des „Besuchs“ der Soldaten vorfinden wird. Und dennoch erfolgt die Schilderung in einem empathischen, erträglichen Maß, weil Borrmann an solchen Stellen eher sachlich berichtet und nicht intensiv Emotionen um jeden Preis hervorrufen will.

 

Emotionen, die im zweiten Faden der Handlungen durchaus dann ihren Platz finden. Als Anna Meerbaum es 1992 leid ist, von ihrer Mutter aus Schweigen nichts über diese Zeit und die eigenen Vorfahren zu erfahren. Sie macht sich auf den Weg zum alten Gut und wird überaus überraschende Erkenntnisse gewinnen. Die sie an ihrem Verhältnis zur Mutter tief zweifeln lassen werden. Und eine Verbindung wird sich ziehen dort, auf dem alten Gut, zu einem Architekten, der im dritten Strang der Geschichte, dem „Überleben in Trümmern“ seine Rolle zunächst findet. Als Findelkind.

 

1947 in Hamburg. Wo Agens mit ihren beiden Kindern Hanno und Wiebke um jeden Preis versucht, zu überleben, nicht zu verhungern, nicht zu erfrieren. Und Hanno ein Kind findet. Joost. In den Ruinen. In der Nähe einer entkleideten, nackten Frauenleiche.

 

Die im Übrigen nicht die einzige nackte Leiche genau jener Tage an genau jenem Ort in Hamburg sein wird. Was den Roman nicht zu einem Kriminalroman gestaltet, aber doch kriminalistische Elemente der Erzählung ganz am Rande zunächst mitschwingen lässt.

 

Nah kommt Borrmann ihren Figuren und nah vermag sie es dadurch, diese auch dem Leser zu bringen. Die furchtbaren Ereignisse für einige der Beteiligten, aus denen sich Jahrzehnte später die Wurzeln für ihr Handeln und Denken ableiten lassen. Denn nicht nur Häuser und Gebäude lagen in Schutt und Asche, auch Menschen lagen zu Hauf „in Trümmern“, innerlich.

 

Was dem Titel des Werkes eine doppelte Bedeutung gibt, wie im Roman selbst Borrmann äußere und innere Ebenen zugleich aufgreift. Wie es ist, wenn die letzte Hoffnung erlischt. Wie es ist, wenn der Mann nach fünf Jahren Krieg als Fremder heimkehrt. Und wie es ist, das auf vielen Seiten vieles von all dem einfach verschwiegen wurde. Für den Rest des Lebens. Auch der eigenen, engsten Familie gegenüber.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016