Berlinverlag 2016
Berlinverlag 2016

Meg Mitchell Moore – Eine fast perfekte Familie

 

Ein ziemlich perfekter Roman

 

„Soll ich ihnen ein Geheimnis verraten? Ihre ganze Generation, sie und ihre Altersgenossen, sie alle halten sich für etwas Besonderes. Aber wie soll jeder von ihnen etwas Besonders sein? Das ist schlicht und ergreifend unmöglich“.

 

Und „Besonders Sein“, das bedeutet vor allem in den Köpfen von Gabe, Nora und ihrer ältesten Tochter Angela im einfachen Ablauf des Alltages, jede Minute zu nutzen, getimt zu sein, effizient zu sein. Bis dahin, dass sich Nora mit zunehmender Ungeduld ihrer (natürlich teuren und edlen) Spülmaschine zu stellen hat, die tatsächlich 49 Minuten für den Spülgang zu brauchen gedenkt.

 

Während Kunden warten (Nora ist erfolgreiche Immobilienmaklerin), während Angela rund um die Uhr alles dafür tut, Jahrgangsbeste zu werden, um das einzig denkbare Lebensziel für sich und ihre Familie zu erreichen: Als Frühbewerberin in Harvard aufgenommen zu werden.

 

Schon die Konkurrenz an der eigenen Schule ist hart, beste Freundinnen haben sich im Lauf der Monate zu einander nur mehr kühl abschätzenden Wesen verändert und die Zeit reicht hinten und vorne nicht für die Noten, den Sport, die Ehrenämter, und, und, und.

 

Während ihre zweite Tochter sich für einen Platz im Ensemble des „Irischen Tanzes“ abstrampelt (Lebensziel, natürlich), während ihr Mann Gabe von einer neuen Praktikantin „belagert“ wird, die scheinbar den dunklen Fleck seiner Vergangenheit kennt.

 

Während die jüngste Tochter sich schwer abmüht, das Lesen mit ihren acht Jahren fließend hinzubekommen. Während Nora versucht, ihre sozialen Kontakte zu Mutter und Schwester und Miteltern der Schule zu halten.

 

Fast perfekt, könnte man sage. Für die heutige Zeit. Für das durchgeplante und durch terminierte Leben, in dem jede Minute zur „Ertüchtigung“ des eigenen Körpers oder der eigenen Person oder der eigenen Chancen genutzt werden muss.

 

Zwar kann sich Nora kaum erinnern, wann es das letzte Mal „echtes“ Essen (nicht irgendwo schnell geholt) im entspannten Kreis gegeben hat, aber wer sich mit einer seltenen Flechte im Garten eines verkauften Hauses oder mit mikroskopischen Streifen in Glastüren oder mit Besitzern, die trotzig auf einem viel zu hohen Preis beharren zu beschäftigen hat, der kann ja froh sein, überhaupt die eigenen Kinder zu den wichtigen Terminen zu chauffieren.

 

Eine fast perfekte Familie i Strom der Zeit. Eine Familie, die Mitchel Moore mit einer überaus modernen Sprache auf den Punkt begleitet. In einem Roman, in dem sie, nie aufdringlich, aber sehr, sehr stetig, im Hintergrund den Leser sich immer unwohler fühlen lässt.

 

Denn, auch wenn man keine eigenen Kinder haben sollte, die Grundabläufe dieses modernen Lebens mit seinem Kreisen um Erfolg, Geld, Status, fassbare Ziele vor allem, das kennt jeder.

 

Und Schritt für Schritt, ganz unaufdringlich, aber unnachgiebig nachhaltig lässt Mitchell Moore spielerisch den Preis, den diese Lebenshaltung kostet, innerlich im Leser bewusstwerden und sich verankern.

 

Wofür ihr Angela, die älteste Tochter, als zentrale Blaupause dient. Hier verläuft er eigentliche innere rote Faden des Buches, hier werden die entscheidenden Brüche dieser Lebensform überaus deutlich, die umrandeten Augen, die grundlos scheinenden Tränen, der Griff zur Tablette, alles für „DAS ZIEL“.

 

Wobei nicht nur Angela, sondern alle Personen im Buch, aus deren Perspektive Mitchell Moore wechselseitig von diesen Wochen vor der Bekanntgabe der Entscheidung Harvards erzählt.

 

Im Buch braucht es die Aktion der mittleren Tochter mit deren bester Freundin gemeinsam mit dem, was Angela heimlich an Weg unter die Räder nimmt, bis es allen wie Schuppen von den Augen fallen wird. Aber mit welchen Folgen? Kann es überhaupt Folgen geben in einem auch innerlich so fest zementiert wirkendem Leben?

 

Und, über den Rand der gut 430 Seiten hinaus, was wäre dem Leser als Ereignis vorstellbar, das eigene Hamsterrad (was übrigens im Buch wunderbar eingepasst als Symbol vorkommen wird) zumindest einmal zu überdenken?

 

 

Eine sprachlich wie inhaltlich überaus empfehlenswerte, hervorragend konzipiert und lebensnahe Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016