Wellhöfer 2013
Wellhöfer 2013

Meinrad Braun – Die Insel hinter dem Meer

 

Allegorische Reise ins Ich

 

Zwei Männer in einem Boot, deren mindestens einer sehr verdeckte Absichten verfolgt. Sabotage an Bord, dem Meer nur mit eigener Kraft dann gegenüberstehen. Das Setting, welches Braun für seine Erzählung wählt, ist nicht allzu unbekannt.

Die Richtung aber, die seine Geschichte nehmen wird, hält doch einiges an überraschenden Wendungen und symbolhafter Bedeutung bereit.

 

Sprache und Stil zeigen dabei ein hohes Niveau und lassen den Leser unvermittelt je teilhaben an den einzelnen Wendungen und den vielen Fragen, die sich gerade in der ersten Hälfte des Buches durchaus stellen.

 

David Horn führt einen kleinen Laden zum Besohlen von Schuhen und Erstellen von Schlüsseln. Bis dieser merkwürdige, düstere Mann kommt und zwei Schlüssel nachmachen lässt. Wie sich herausstellen wird, es sind David Horns eigene Schlüssel. „Öffner“ zu seiner Wohnung. Ein Angebot wartet auf ihn.

 

Der reiche Daniele Foscolo möchte ihn als Skipper für eine Segelreise buchen. Zu den äußeren Hebriden, zu einem noch unbekannten Ziel, aus dem Foscolo ein Geheimnis macht.

 

Horn ist zunächst wenig interessiert. Bis er feststellt, dass die Yacht ein Boot ist, dass er selber gebaut hat. Mit dem er auf Riff lief. Mit dem er ungute Erinnerungen verbindet, denn seine beiden Begleiter damals, eine attraktive Frau und einer seiner Freunde, sind nach der Havarie nicht mehr aufgetaucht.

 

Sein Schiff. Auf dem eine Kabine laut Vertrag mit Foscole verschlossen ist und verschlossen zu bleiben hat. Jene Kabine, in der damals die Frau ihr Quartier bezogen hatte.

 

Auf See spürt Horn ihre Präsenz. Hat aber genug damit zu tun, die Eskapaden seines exzentrischen Eigners abzumildern, auszubaden. Orientierungslos irgendwann segelt er nach Gefühl und tatsächlich, eine Insel kommt in Sicht. Eine Toteninsel, verlassen, verfallen und doch, Horn spürt es, nicht ohne Präsenzen. Da „hinter dem Meer“

 

Spätestens dort wird auch der Leser langsam, aber sicher durch die kraftvolle Sprache Brauns mehr und mehr in das Innere des David Horn gezogen. Ein Mann, der Schuld trägt. Der dieser Schuld zu entweichen versuchte. Ein Meer, das vielleicht gar kein reales Meer, sondern die bleierne Weite des eigenen, beschädigten Inneren darstellt. Eine Insel, die vielleicht keine Insel ist, sondern jener Kern versteckter Innenlandschaft, in dem der Mann wie tot im Lebens steht. Und eine verschlossene Tür im Schiff, hinter der die Schuld eingesperrt wurde. Mit aller kühlen Vernunft, die Horn so eigen ist. Samt einem Eigner, der vielleicht auch nur ein anderer Teil der eigenen Person ist, der keine Ruhe zu geben gedenkt.

 

Und alles könnte auch ganz anders sein.

 

Dieses Spiel mit doppeltem Boden und mehrfacher Deutungsmöglichkeit der Ereignisse und des inneren Erlebens entfaltet Braun hervorragend in dieser Erzählung. Gibt wie nebenbei zudem noch der „Ratio“, der ständigen Suche nach Beherrschung und Kontrolle der Welt und dessen, was geschieht und geschehen könnte im Menschen intensive Zweifel mit auf den Weg.

 

Als wäre der Mensch doch nur ein Wesen, dass ohne Navigation auf dem weiten Meer mehr schlecht als recht seinen Weg versucht, auszumachen. In Nebel und Sturm und bleierner Ödnis.

 

Atmosphärisch dicht geschrieben lässt Braun den Leser auf dieser Seereise der inneren und äußeren Bedeutungen nicht los, hin zu einem Ende, das genügend offen Fäden bereit hält, um den Leser weiter fragend zu beschäftigen. Was wohl genau auf ihn selbst hinter dem Meer warten würde.

 

M.Lehmann-Pape 2013