Droemer 2011
Droemer 2011

Melissa Jacoby – Der verführerische Charme der Durchschnittlichkeit

 

Dazugehören

 

Mead möchte zur Zeit nur eins: Dazugehören. Endlich nicht mehr so offenkundig anders sein und, leider, beständig auch so behandelt werden. Seit seiner Kindheit geht das so. Die Mutter drangsaliert ihn, nimmt ihm die Luft zum Atmen, andere Kinder, Mitschüler, Bewohner der kleinen Stadt, in der aufwächst, alle fremdeln mit ihm und er in weiten Teilen auch mit ihnen.

 

Mead ist eines jener hochbegabten Kinder, die zum Glück in der Moderne weitestgehend als solche erkannt werden können, deren Probleme im Umgang mit der Umwelt dadurch aber nicht wirklich gelöst werden. Klassenweise überspringt er in der Schule seine Mitschüler, studiert seit längerem Mathematik, steht kurz vor dem Abschluss, aber jetzt reicht es ihm.

 

„Er weiß, dass er sich paranoid verhält, aber er kann nicht anders“, ist ihm klar, als er den Bahnhof seiner Heimatstadt in Illinois erreicht und sich auf den Weg zum elterlichen Haus macht. Dort, wo auch nicht nur eitel Sonnenschein auf ihn wartet, sondern seine Mutter wie ein Monster „direkt hinter ihm kauert“. Seit er in der siebten Klasse es einmal wagte, in einer Arbeit nur ein befriedigend zu erreichen, zeigt ihm seine Mutterwas sie von ihm erwartet: Mehr, mehr und nochmals mehr.

 

Diese innere Lebenssituation verfolgt Melissa Jacoby im weiteren Verlauf des Buches von zwei Seiten aus. Zum einen wirft sie einen atmosphärisch dichten Blick auf die Kindheit, das Heranwachsen Meads, seine ständigen Fremdheiten mit den Menschen und der Welt um ihn herum und zugleich entfaltet Jacoby mehr und mehr das gegenwärtige Verhalten Meads. Warum ist er nun zu Hause? Warum geht es ihm nun darum, ein „ganz normales“ Leben im elterlichen Betrieb führen zu können und nicht mehr vor hochgelehrten Professoren sein Wissen und seine überragende Intelligenz darzulegen? Durchaus verschiedene Ebenen von Motiven treten hier in den Raum, eindimensional und damit einfach einzuordnen wird das Verhalten Meads bis zum Ende des Buches nicht sein. Auch die Rolle seines vermeintlichen Freundes David wird lange im unklaren bleiben, aber entscheidende Bedeutung haben.

 

Schon von Beginn an kann der Leser sicherlich ahnen, warum die Durchschnittlichkeit gerade für Mead einen „verführerischen Charme“ in sich trägt. Wie sehr es ihn danach drängt, einfach ein ganz normaler Teil einer ganz normalen Welt zu sein. Diese innere Sehnsucht versteht Melissa Jacoby, eindrucksvoll vor Augen zu führen. Ebenso gelingt es ihr, die Motive der andren Personen des Buches zu verdeutlichen. Dass die Mutter kein „sechsbeiniges, krallendes Monster“ ist, sondern durchaus Gründe für ihr Verhalten hat, dass wird sich herausstellen. Wird Mead das irgendwann verstehen können? Wird er Zugang auch zu David finden, der durchaus (aus eigenen Motiven heraus) Interesse an Mead zeigt und doch einer jener sein wird, den Mead bis fast zum Ende des Buches hin nur kritisch betrachten kann? Und das zu Recht, denn um jenen David herum wird sich ein weiterer Erzählstrang ranken, der gar Anteile eines Kriminalromans in sich trägt.

 

Ein wenig wirr ist es schon im Verlauf des Buches, das viele hin und her, der zynische Mead, die vielen Erlebnisse und unklaren Zordnungen der Personen, die sich erst zum Ende des Buches hin (und auch das nur ein wenig) auflösen werden. Andererseits sind die Figuren durch Melissa Jacoby lebensecht und nachvollziehbar gestaltet. Das Dilemma Meads ist der einwandfrei erkennbare, rote Faden der Geschichte und neugierig ist und bleibt der Leser durchaus, was denn nun genau den Sinneswandel und die „Flucht“ von der Universität ausgelöst hat und wie sich all diese Verbindungen untereinander letztlich erweisen werden.

Das Buch bietet eine umfangreiche Innenschau auf das nicht einfache Leben eines Hochbegabten, eingebunden in eine durchaus anregende Geschichte voller verdeckter Motive und durchaus gar einem mordverdächtigen Todesfall. Bis dahin, dass sich Mead entscheiden muss, etwas für einen anderen zu tun, ganz am Ende des Buches und damit in eine wirkliche, innere Verbindung treten könnte. Trotz einiger Längen und Unklarheiten eine interessante Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2011