Arche 2014
Arche 2014

Michael Bergmann – Alles, was war

 

Ein jüdisches Leben in Deutschland

 

Unschwer zu erkennen ist, dass Michael Bergmann in dieser ruhigen, dichten, sehr aufmerksam beobachtenden Erzählung zumindest einen Teil seiner eigenen Geschichte erzählt.

 

Wie das war, als jüdisches Kind in der Nachkriegszeiten aufzuwachsen, die Bürde, den Berg der Gräuel frisch aufgeschüttet noch vor Augen, die teils tief verankerten Haltungen in der Bevölkerung Juden gegenüber vielfach ungesühnt mitten im Alltag wieder anzutreffen.

 

Wie eine dunkle, tiefschwarze Wolke hängt das Geschehene über und in der Zeit selbst und wird über Jahrzehnte hinaus (wie die aktuellen Ereignisse zeigen bis in die Gegenwart hinein), Schatten werfen.

 

„Ja, antwortet der Junge, der nun ein Mann von über fünfzig Jahren geworden ist“. Und der dem Leser zunächst im Buch als Knabe begegnet mit all den Dingen, die ein kindliches Heranwachsen ausmachen. Das Spiel, die Schule, seinen Platz in der Welt finden, vor allem mit „den anderen allen“.

 

„Mit dem sperrigen, ledernen Schulranzen läuft er aus dem Haus. Es ist sein Tag, wie jeder Tag sein Tag ist“.

 

Ein Aufwachsen, ein Leben, dass nicht nur von der „großen“ Vergangenheit geprägt  ist, sondern auch in der Gegenwart durch eine „immer besorgte“ Mutter übermächtig gerade in diesen jungen Jahren begleitet werden wird.

 

Und ein alter Mann, dessen Blick eher zufällig aus der Nachbarschaft heraus auf diesen Jungen fällt. Und dessen „Lebensweg“ intensiv mit begleitet. Wobei  schnell deutlich wird, dass Bergmann hier beide Rollen einnimmt. Der alte Mann, der auf seine Geschichte, sich selbst zurückblick und die Dinge des Lebens nun, aus den vielfachen Erfahrungen des Lebens heraus, anders sehen und bewerten kann, dem Leser die reflektierte Sicht auf den damals beginnenden eigenen Lebensweg vor Augen führt.

 

Innerhalb einer jüdischen Gemeinde, die „wieder da ist“, in Teilen natürlich. Die nach Holocaust, unendlichen Schrecken und erlebtem Hass in Frankfurt sich Schritt für Schritt wieder ansiedelt. In einer Welt, in der weiterhin gilt:

 

„Jüdisch zu sein ist eben etwas anders, als katholisch oder evangelisch zu sein. Schon als Kind spürt er das. Das wird bleiben, bis in unsere heutige, aufgeklärte, digitale Zeit hinein“.

 

Feinfühlig und vielfach „subkutan“ zeigt Bergmann dieses „anders sein“ durch die Jahrzehnte hindurch auf, erzählt von dem Eindruck, dass „der Täter Bewährungshelfer“ ist, wenn Juden von vielen Seiten her immer wieder sich belehrt findet, was es denn heißt, „Jude zu sein“.

 

Wobei Bergmanns Kunst der ruhigen Erzählung vor allem darin besteht, dass er dieses „anders sein“ nicht „laut“ macht, nicht polemisch in den Raums setzt, nicht anklagend vorbringt, sondern stetig einfach aufzeigt, am Alltag festbindet und die Folgen immer wieder leise in den Raum zu setzen versteht.

 

Und auch von der der anderen Seite versteht es Bergmann ebenfalls, vom Alltag zu berichten. Von der „Normalität“ des Lebens, dass erst dann hektisch anderes dargestellt wird, wenn „der Rabbi“ zu Besuch kommt.

 

Wie das war, sich in diesen Jahren zurecht zu finden, umwälzende soziale Entwicklungen mit zu erleben, die Last der übervorsichtigen, drängenden, ständig verbessernden Eltern (die Mutter im Buch) zu schultern, immer wieder diese besondere Stellung des jüdischen Lebens in  der wachsenden Bundesrepublik mit einfließen zu lassen, das liest sich in diesem schmalen Band einfach beeindruckend, ruhig und dennoch nachhaltig.

 

Eben „alles was war“ für diese konkrete, persönliche Leben unter besonderen Vorzeichen.

 

M.Lehmann-Pape 2014