Galiani 2018
Galiani 2018

Michael Kleeberg – Der Idiot des 21. Jahrhunderts

 

Goethe neu gedacht

 

Das Verhältnis von Okzident zu Orient, die westliche und die östliche Kultur, im „West-Östlichen Divan“ nimmt sich Goethe dieser beiden Welten, ihrer unterschiedlichen Prägung und ihrem Gewinn für die jeweils andere Seite an. Damals zur Zeit des Erscheinens die erste, intensive Annäherung an die Kultur des Orients.

 

Ein Impuls, den Kleeberg in seinem neuen Roman intensiv aufnimmt und anhand von Einzelschicksalen, Personen und derer kultureller Prägungen, ein Kaleidoskop dieser fremd-nahen Beziehung in überbordender Sprache, mit vielfachen Sprachbildern und in unterschiedlichen literarischen Formen vor die Augen des Lesers legt.

 

„Allerliebste Marianne (Maryam), erwache“!

„Ei! Wach´ uff und guck“!

 

Gleicher Inhalt, andere Sprache, poetisch bis herzhaft, vom hessischen „Slang“ (umwerfend, wie Claptons „Layla“ mit hessischer Zunge so klingen könnte, wenn Kleeberg einen seiner Protagonisten singen lässt) bis hin zur kunstvollen und bildreichen orientalischen Erzählweise geht Kleeberg seinen versammelten Personen nach, forscht in deren Kindheit, zeigt Befremdliches auf und lässt all dies doch zusammenfließen in einem überschaubaren Reigen menschlicher Sehnsüchte und Grundbedürfnisse.

 

„Was hierhergehört ist, dass an diesem privatesten aller Orte, so weitab von irgendwelchem Rockstar-Glamour wie von jeder Frömmelei, Hermann, dieser nicht mehr junge Mann mit dem runden Gelehrtenbäuchlein, dessen äußere Erscheinung eines Aufbegehrens und Auftrumpfens nicht fähig scheint, den Schmerz und die Sehnsucht und die Hoffnungen von Claptons Lied mit virtuosen Fingern interpretiert und den anderen darreicht in einer demütigen Würde, die man nur dann ausstrahlt, wenn man weiß, wovon man redet“.

 

Verschwenderisch mit der Sprache, nie um einen treffenden Ausdruck verlegen, blumig, teils aber auch überaus nüchtern im Monolog, assoziativ einerseits und genau treffend andererseits trifft sich der Kern der damaligen Clique aus Jugendzeiten im kleinen, hessischen Ort und lässt das Leben, das Erlebte, das Aktuelle, das Erhoffte, Revue passieren. Und zieht den Leser unmittelbar und nicht loslassend in einen Sog von Gefühlen, Gedanken, Geschichten, von Liebe und Not, der bis zur letzten Seite nicht nur sprachlich, sondern auch in der Tiefe der Emotionen brilliert.

 

Und dabei wird kaum eine vorstellbare Seite aktueller Befindlichkeiten ausgelassen. Flüchtlinge, Sorge vor dem Fremden, Offenheit dem Neuen gegenüber, Verschlossenheit in sich (wie der Salfist im Buch), jene Seiten, die ein Miteinander suchen und jene, die sich damit schwer tun, Terror und Krieg, Freundschaft und ein „ganz normales, deutsches Alltagsleben“, alles kommt vor, alles hat seinen Platz und ist ein intensives Bild einer aktuellen Zerrissenheit der Welt, die auch in der hessischen Provinz angelangt ist.

 

Zusammengehalten, nach vorne geschrieben, i Teilen angetrieben von der Liebe, die Kleeberg (natürlich) zwischen „Ost und West“ aufflammen lässt (und das nicht nur einmal im Werk). Und das alles konzentriert auf die gegenseitigen Erzählungen jener Runde vertrauter Freunde aus Jugendzeiten und einiger neuer Freunde aus dem „Leben danach“.

 

Das alles schreibt Kleeberg mit einem optimistischen Grundton, einer überzeugten Hoffnung, die auf eine mögliche Verbindung in aller Vielfalt hinweist, aber erst noch zu entdecken sein wird, auch für den Leser, dem Kleeberg vielfaches Material an die Hand gibt, um reichlich Gedanken und Phantasien anzustoßen, wie das denn gehen könnte, statt ein Gegeneinander ein Miteinander zu  gestalten. Trotz aller auch schwieriger Erfahrungen, die im Buch thematisiert werden.

 

Allein die Liebe wird es dabei nicht sein, wohl aber ein Verständnis für die Prägung des anderen und damit seiner Persönlichkeit und Handlungsweisen. In einer Welt, in der genormtes Leben im überschaubaren Rahmen der Vergangenheit angehört.

 

Ein Buch, dass die Emotionen genauso wachruft, wie die intellektuelle Reflexion und Seite für Seite darauf verweist, dass eine Harmonie möglich sein könnte, wenn das Verstehen erst einmal in den Raum getreten ist.

 

Wenn man sich, für eine Weile zumindest, immun macht gegen all das, was von allen Seiten an Meinungen herein prasselt und stattdessen eigene Erfahrungen sucht.

 

M.Lehmann-Pape 2018