Klett-Cotta 2015
Klett-Cotta 2015

Michael Wildenhain – das Lächeln der Alligatoren

 

Hinter das Licht geführt

 

Vielfach und zunächst fast überfordernd sind die Themen, die Michael Wildenhain hinter seiner teils so klar und eindeutig erscheinenden „roten Linie“ des Romans aufleuchten lässt.

 

Hinter den politischen Statements, dem Ziel des „Anschlags“ und der Entwicklung der einen zu Terroristen, der anderen zu Opfern und wieder anderen zu Verrätern, wird der Leser im Lauf der Ereignisse mit Grundthemen des Verlassen-Werdens konfrontiert (was einen scheinbar überforderten Vater und eine erste Liebe angeht), mit familiärer Bindung unter schwierigen Umständen (was zu Distanzen führen wird), mit eigener, lebenslanger Schuld, wird ein „Benutzt-Werden“ miterleben (und miterleiden), das am Ende doch differenzierter sich darstellen wird, als in Teilen zuvor gedacht.

 

Denn manches wird dann doch in nicht vorhersagbaren Formen wieder zusammenkommen, ohne nun unbedingt als Happy End mit „schönen“ Klärungen im Raum zu verbleiben.


Was aber vor allem hinter all den Ereignissen erkennbar als roter Faden in diesem Roman zum Tragen kommt (bis zum Ende hin), ist das, was man als fast animalische Kraft einer inneren Bindung, einer „ersten Liebe“ oder vielleicht einfach nur eines nicht rational „weg zu erziehenden“ Begehrens betrachten kann. Im Rahmen eines ansonsten tief unverbundenen Lebens.

 

Denn bei allem, was Matthias im Lauf der Zeit von Marta scheinbar kühl „vorgemacht“ und „vorgegaukelt“ wird (mit dramatischen und tödlichen Folgen), nichts scheint es zu geben, was ihn (und vielleicht auch sie) und wohl den Menschen an sich lösen kann von jener „unvernünftigen“ inneren Bindung, die „einfach so“ entsteht und im Leben verbleibt.

 

Obwohl doch schon zu Beginn für Matthias sichtbar sein wird, dass diese Marta „kurzen Prozess“ zu machen versteht.

Dass sie für ihn nicht unbedingt „exklusiv“ im Raum stehen wird. Anders, stringenter handelt.

 

Was ihn  ja gerade fasziniert und einnimmt, was ihn später einen hohen Preis zahlen lassen wird, was ihn nicht lösen wird von diesen ersten Eindrücken für den Rest seines Lebens.

 

Und wie dann so vieles emotional gar nicht erst hochkocht bei Matthias, wie wichtige Ereignisse und enge spätere Bindungen von Wildenhain fast kühl und distanziert in der Sprache dargelegt werden, wie „äußerlich“ (manchmal rein materiell auf „Besitz“ und „Reputation“) ausgerichtet sein Protagonist in fast allen anderen Bereichen seines Lebens (außerhalb jener ominösen inneren Beziehung zu Marta) empfindet, das ist schon überaus anregend zu lesen.

Gerade in der Verbindung zu seiner Ausrichtung als Informatiker mit Schwerpunkt KI, gerade in seiner Verbindung zu seinem Vormund, seinem Onkel, dem bekannten Gehirnchirurgen.

 

Fachfelder, die der Emotion kühl gegenüber stehen, die das Leben als berechenbar betrachten, die auch das Menschliche meinen, „reparieren“ zu können, wenn es Schaden nimmt. Wobei Moral deutlich weiter hintenanstehen wird, als es der Leser zunächst meint.

 

Vieles, was zu Anfang noch im Unklaren liegt, was fast als „Zuviel“ an Themen erscheint, legt Wildenhain im Verlauf der Lektüre doch in Zusammenhänge und zieht so ein verbindendes Netz um all jene Unwägbarkeiten, belastenden und destruktiven Ereignisse eines Lebens, in dem sein Matthias immer wieder erleben muss, dass eine rationale Bewertung und eine dann eigentlich logische Folgerung im Leben sich als nicht tragfähig, nichtig herausstellt. Wenn er einmal wieder mit heruntergelassenen Hosen im Hotel sitzen wird.

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, die zum einen in das Innere des politischen Terrorismus führt und zum anderen psychologisch sich den „unverbundenen“ Lebensformen aus verschiedenen Perspektiven her nähert, die nur äußerlich als gestandene Persönlichkeiten erscheinen. Und in der Wildenhain in einfacher, dabei aber sehr allegorischer Sprache jene innere Distanz zur Gemeinschaft, zum „verbundenen Leben“ widerspiegelt, von der er schreibt.


M.Lehmann-Pape 2015