C.Bertelsmann 2011
C.Bertelsmann 2011

Michele Mari – Mr. Pink Floyd

 

Syd Barret, der „verrückte Diamant“

 

Nach der Lektüre des Buches wird der Leser einen großen Teil des musikalischen Schaffens von Pink Floyd, durchaus aber auch des ein oder anderen Künstlers (David Bowies „Ziggy Stardust“, Alan Parson, der mit Pink Floyd arbeitete, bevor er selbst sein ähnlich gelagertes musikalisches Werk in Angriff nahm, u.a.) mit anderen Ohren hören und einen anderen Hintergrund dessen erahnen, was hinter vielen dieser Werke steht.

 

Dass „Shine on, you crazy diamond“ nicht anderes ist als ein Lied der Hoffnung für den seit 1968 bereits stark in Psychosen abgedrifteten Syd Barret (der „crazy diamond“, so wurde er genannt. Verrückt, hart und wertvoll), ist eine dieser Erkenntnisse. Ebenso, wie „Wish you were here“ den Wunsch ausdrückt, er möge doch wieder bei den anderen sein (jene anderen, die ihn bereits nach der ersten Platte und während der ersten Tournee durch David Gilmoure ersetzten, die ihm aber verbunden blieben). Dass unter Umständen das gesamte Konzept von „The Wall“ auf der Geschichte von Syd Barret beruht und Ausdruck der inneren Verbundenheit von Roger Waters zu Barret ist, dass wäre ein ganz neue Sicht dieses epochalen Werkes. Aber unmöglich wäre es nicht, würde man sagen, wenn man die entsprechenden Einlassungen der Personen im Buch sich vor Augen führt.

 

Denn so baut Michele Mari seinen Roman, diese Melange aus Fakten und Fiktion, aus dokumentarischen Quellen (Biographien, Interviews etc.) und eigener Interpretation auf.

 

Personen kommen zu Wort. Viele.

Freunde von Barrett. Techniker, Musiker, Roadies, Manager, die anderen der Band (plus „das große Ego von Roger Waters“ quasi abgekapselt von Waters selbst).

Immer in kurzen, knappen Kapiteln entsteht auf diese Weise nicht nur ein Bild dieses kreativen Musikers, der in der kurzen Zeit, in der er zur konzentrierten Arbeit fähig war, Unmengen an Material aus sich heraus fließen ließ (die gesamte erste Platte der Pink Floyd basiert alleine auf Syd Barret Material, ebenso vielfache Songs der nachfolgenden Werke).

 

Zudem entfaltet sich die Geschichte der Band selbst aus ganz eigener Sichtweise vor den Augen des Leser, zumindest, soweit sie mit Syd Barret verbunden war (und ist). Das aber, so liest man heraus, ist der überwiegende Teil der Bandgeschichte. Trotzdem eben ein psychotischer Schub jene starke Persönlichkeitsveränderung mit sich brachte (manche im Buch meinen allerdings vehement, dass die anderen Bandmitglieder Barret quasi ausgeblutet haben mit ihrer ständigen Bedrängung nach noch mehr Liedgut und Melodien).

 

Daneben, und das macht dieses Buch in gewissen Teilen zu einem echten Erlebnis, gelingt es Mari mittels seiner bildreichen Sprache, die Magie jener Zeit einfließen zu lassen, anhand der konkreten Band Pink Floyd nachvollziehbar zu gestalten, was Rock zu jener Zeit in sich trug und wie dieses Ausdruck fand. Die 70er Jahre, eine Zeit, in der alle großen Bands ihre jeweiligen kreativen Meilensteine komponierten, in der die Musik archetypisch Menschen weltweit innerlich erreichte. Ein auch goldenes Zeitalter der Musik, dem Syd Barret in einer kurzen Schaffensperiode seinen Stempel für lange Zeit mit aufdrückte.

 

Eine innere Beteiligung, die aus jedem der Kapitel herauszulesen ist. Selbst Julian Lennon hat noch seinen Teil zu sagen (der sich allerdings dann doch wieder fast darin erschöpft „jene Japanerin“ zu verunglimpfen, die seinen Vater bereits im Leben hat absterben lassen).

 

Michele Mari ist ein fulminantes Buch aus dem Innern des Rock gelungen, das nicht nur die Person Syd Barret und seine konkrete Wirkungsgeschichte in ganz neuem Licht zeigt, sondern auch ein gutes Stück der Faszination jener Zeit und jener Musik zu transportieren versteht.

 

M.Lehmann-Pape 2011