Nagel & Kimche 2017
Nagel & Kimche 2017

Miika Nousiainen – Die Wurzel alles Guten

 

Ein ganz besonderer Roadtrip

 

So einiges fällt umgehend zu Beginn der Lektüre überaus positiv ins Auge, nur eine kleinere Schwäche macht sich nach einigen Seiten bereits bemerkbar. Beides sind Empfindungen, die sich durch das gesamte Buch hindurchziehen und die Lektüre zu einem weitgehenden Vergnügen gestalten.


Was tun, wenn ein Zahn pocht? Und wenn die Zähne an sich in keinem guten Zustand sind. Woran man im Übrigen auch selbst hohen Anteil trägt, wenn Zahnpflege ungewohnt, lästig und überhaupt nicht anregend wahrgenommen wird.

 

Die Wurzel entzündet sich. Und ein guter Zahnarzt (der Esko mit Leib und Seele ist!) geht systematisch und gründlich vor. Bis zur perfekt passenden Krone, die dann das Problem (dieses eine zunächst) löst.

 

Dass da zufällig sein Halbbruder vor ihm sitzt, das irritiert dann aber doch. Und alles „sich wehren“ gegen die Vertiefung der Begegnung nutzt ja nichts (wie bei einer entzündeten Wurzel).

 

Wobei die Zähne im Mund seines Bruders Pekka (in fließendem, ständig chronologisch aufeinander aufbauendem Wechsel erzählt Nouisaeinen die Geschichte der Brüder, was nahtlos ineinander übergeht) im Roman natürlich nur ein passendes und griffiges Symbol für den Lebenszustand (letztlich beider Brüder) darstellt.

 

Bei Pekka, ganz moderner Vater, alles richtiggemacht, denkt eher, ist die Ehe geschieden und er ein 14tägiger Wochenendvater. Bei Esko kam sowas gar nicht erst in Betracht, außer seiner Freude an der Arbeit gibt es wenig in seinem Leben.

 

Beider Vater ist aus dem Leben verschwunden, bei beiden im Alter von drei Jahren. Ein Schuft. Einer, der verlässt. Ein Egoist. Einer, der durch dieses Verhalten, so denkt man im Stillen, erst die Weichen für die leicht verkorksten Leben gestellt hat.

 

Und bei beiden gilt, dass wird im Verlauf der Lektüre immer klarer, dass nur eine gründliche „Wurzelbehandlung“ den Seelenfrieden herstellen könnte.

 

Mit vielen im Übrigen kleinen Szenen, die das Herz erwärmen. Wenn Eskos einen Patienten freundlich, aber bestimmt, aus seinem Stuhl verbannt. Das erste Mal in seinem Berufsleben. Und es fühlt sich gut an. Wenn Pekka mit einer Liebe, die den Leser an das Beste im Menschen gemahnt, seine beiden Kinder betrachtet.

 

Munter erzählt Nouisainen. Leger und locker in den Dialogen, humorvoll und doch stringent in der Reise, die beide unternehmen werden, um auf die Spuren des Vaters zu kommen.

Eine Reise, die Kreise bis auf andere Kontinente ziehen wird und vielfache, originelle und berührende Begegnungen für die Brüder und den Leser enthält.

 

Durch Verwandte, Bekannte, Orte. Eine äußere und innere Reise, die einiges an Überraschungen bereithält und das Bild, dass beide fest „verwurzelt“ ins ich tragen langsam, aber sicher, erschüttern.

 

Und wie nebenbei werden die Themen des modernen Alltags mit verhandelt. Vater sein bei zugfachen Trennungen. Patchworkfamilien. Isolation, die nicht nur selbstgewählt ist in einer Welt, in der wohl nur der extrovertierte, laute Mensch wahrgenommen wird und ansonsten die stillen leicht in Gefahr stehen, zu versauern.

 

Flüchtlinge und Rassismus, schon bevor es Flüchtlinge gab. Der Wille auf der andren Seite, diese zu integrieren. Immer wieder überrascht Nouisainen mit kleinen, aber geschickten Wendungen und Einflechtungen.

 

Wobei die teils mäandernden Assoziationsreihen gerades bei Pekka in teils einfach zu langen Welterklärungen und Reflexionen der eigenen Position in dieser Welt doch hier da ein Kribbeln zum überblättern auslösen. Was aber die einzige, hier und auftretende, leichte Schwäche des ansonsten bestens unterhaltenden Romans ist.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017