dtv 2014
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Miklos Banffy – Die Schrift in Flammen

 

Tiefreichender Gesellschaftsroman

 

1934 bereits ist dieser erste Band der Trilogie der „Siebenbürger Geschichten“ erschienen, die im Gesamtumgang episches Ausmaß erreichen (wie die gut 800 Seiten dieses ersten Benades bereits zeigen).

 

Geschichten, in denen Banffy den „Übergang der Welt“ in romanartiger Form zum Thema setzt. Die „Gesellschaft“ des niederen und hohen Adels kurz nach der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert hin (speziell in Ungarn in diesem Roman). Die Fragen individueller Freiheit, die in den Raum treten. Die „große Politik“ der „Reichsvergrößerung“, die Strategien und Intrigen auf kleiner, persönlicher und großer, politischer Ebene. Der allmähliche Niedergang der „alten Welt“, welche diesen kaum zu sehen vermag und noch weniger sehen will.

 

Eingebunden in Jagden, Bälle, Heiratsabsprachen, entspanntem Lebenslauf, ernsthaften Nachdenken über den Zustand der Welt und notwendige Veränderungen zur Verbesserung der Lage auch für den einfachen Mann.

 

Vielfache, innere Strömungen, die Banffy an seine Personen bindet, idealtypische Vertreter bestimmter Geisteshaltungen kreiert und in ein verflochtenes Beziehungsgeflecht versetzt.

 

Fürstin Agnes, noch eher niederer Adel, aber immer mit dem „Blick nach oben“, hin zum „Olymp“, den besten Rängen in Theater und Oper, wo die „Großen“ untereinander verweilen und strikt darauf achten, auch untereinander zu bleiben.

 

Eine „klassische“ Haltung verkörpert die Fürstin, die vieles in Bewegung setzt, für ihre Stieftochter eine bestmögliche Partie zu ergattern, um für sich selber den Aufstieg anzugehen.

 

Klara, die Stieftochter, durchaus noch im „alten Geist“ des Gehorsams erzogen.

 

„Sie zögerte ein wenig, doch unter der Last des auf sie gerichteten strengen Blickes widerlegte sie sich bereits in der Fortsetzung (des von ihr aufmüpfig angefangenen Satzes).

 

Und beugt sich, äußerlich, zunächst unter die „alte Haltung“ der Gräfin:

„Deshalb ist es notwendig, dass ich auch an deiner Stelle denke“. Ganz die „alte Schule“.

 

Doch ganz anderes steht im Raum. Klara liebt. Einen Tunichtgut. Dem Müßiggang und Spiel verschrieben, unterbrochen von hier und da einem Duell. Lazlo.

Und findet in sich Klarheit und Kraft, Bedingungen zu setzen. Für den, der auch sie liebt, aber noch „klassisch“ das Nichtstun voranstellt. Und gegenüber denen, die über sie bestimmen wollen. In Klara treffen sich alte und neue Welt, rigide Normen und individuelle Lebensgestaltungssehnsucht.

 

Während Graf Abady, ebenfalls Teil dieser Gesellschaft, gründlich nachdenkt. Über die Welt, in der er lebt, über den sinnlosen Flitter und Tand, der die Tage so angenehm verstreichen lassen würde und die sozialen Spannungen, die langsam, aber spürbar in den Raum treten.

 

Während auf höchster Ebene Anschlüsse betrieben werden sollen und die junge Adrienne erkennt, dass sie sich vielleicht schmerzlich lösen hat, um ihr Leben nicht zu zerstören.

Was wiederum den Grafen Abady mit einbeziehen wird.

 

Große und kleine Dramen, Spannungen, Reibungen, neue Gedanken und Beharren auf alten Vorstellungen bieten im Roman somit vielfältige Formen der Reibung an. Zeitenwenden im einzelnen Leben und im gesamten gesellschaftlichen Bereich, die Banffy detailliert aufnimmt und verfolgt.

 

 In einer sehr eleganten und komplexen Sprache, die an Thomas Mann, Tolstoi oder auch an Stefan Zweig erinnert, dem modernen Leser aber auch als sehr, sehr langsam und breit vorkommen kann. Es braucht Geduld, die ruhigen Beschreibungen, die breiten Darstellungen der Protagonisten und das langsame Tempo der Entfaltung der Geschichte und der einzelnen Schicksale zu folgen. Manches mal auch viel Geduld, wenn sich Banffy in Kleinigkeiten fast verliert.

 

 

Insgesamt sehr gelungen setzt Banffy die „große Zeitenwende“ mit ihrem knirschenden Gebälk in Szene und bricht diese herunter auf seine Personen, die, jeder und jede, eine bestimmte Haltung, eine konkrete Stellung zur Welt der Jahrhundertwende einnehmen und diese damit in ihren vielfachen Veränderungen und Formen in ihrem Nährboden zum ersten Weltkrieg ist sehr griffig und präsent vor Augen führen. Mit Längen, allerdings.

 

M.Lehmann-Pape 2014