KiWi 2017
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Miranda July – Der erste fiese Typ

 

Andersartig erkundete abstruse Verhältnisse

 

Von Anfang an, selbst in noch überaus unklaren Verhältnissen, die sich erst langsam in ihrer ganzen zunächst Absurdität und dann skurrilen Tiefe entfalten werden, schwant dem Leser, dass jene Cheryl Glickmann nicht umsonst alles in ihrem eben und um dieses Leben herum deswegen mit einem bis ins Detail durchdachte System versehen hat, um sich selbst, ihr Inneres einigermaßen unter Kontrolle zu halten.

 

Dies kleinen „Ausrutscher“ im System, dieser Glaube und wiedergeborene Leben, diese merkwürdig erscheinende innere Verbindung zu nicht wenigen Säuglingen.

 

„Andauernd werde ich bei den falschen Leuten geboren“.

„Ich weiß!“.

 

Dieses Beharren darauf, mit Phillip, dem 16 Jahre älteren Mann aus dem Vorstand der Firma seit Jahrhunderten (bis hin zur gemeinsamen „Höhle“ vor Urzeiten) bereits „füreinander bestimmt zu sein“ (was Phillip in einer Wendung der Ereignisse, die natürlich surreal und dennoch „vom Hocker reißend“ ist ad absurdum geführt wird), die lassen bereits Ahnen, dass eine Cheryl nur die Spitze ihres inneren Eisberges an Fülle von „Ticks“ und Emotionen zeigt.

 

„Wir alle tun manchmal einige dieser Dinge. Mit einem System tut man sie immer alle“.

 

Aber nur solange, bis das Leben sich vehement Bahn bricht. Ungewollt, aber unaufhaltsam.


Was umgehend deutlich wird, als die Tochter ihrer Chefs in ihr akribisch geordnetes Zuhause einzieht. Vom Geruch des Fußpilzes bis zur Neigung, kaum Hygiene zu betreiben bis hin zu jener ominösen Kiste auf den Küchenschränken, deren Inhalt bald im gesamten Haus verteilt sein wird zeigt sich eine immense Hilflosigkeit Cheryls, für sich selber einzustehen.

 

Was July mit umwerfender Situationskomik und ebenso präzise geschilderter psychosomatischer Begleiterscheinungen (der “Kloß im Hals) so anregend und nahegehend zu beschreiben versteht, dass sich die Seiten dieses Debütromans fast von selbst umdrehen und umdrehen und umdrehen.


Der Irrwitz mit esoterischen Therapieformen, die „Spiele für Erwachsene“, die dann auch zu Hause mit einer Verve betrieben werden, welche die Fundamente des bisherigen Lebens samt Möbel und vieler blauer Flecken bis in die Grundfesten ins Wanken bringen werden.

 

Und dann eine komplette, vorher nicht wahrnehmbare, überraschende Wendung der Ereignisse, mit der das bereits vorher hohe Tempo noch einmal an Fahrt aufnimmt.

 

Zudem, neben den eigentlichen roten Fäden des Buches passt July mühelos jede Menge Seitenereignisse hinein, die das „moderne Leben“ in einer Art und Weise auf den Punkt erzählen, die fast zum Schreien komisch wäre, würde einem nicht manchmal (und auch das ist durchdacht und beabsichtigt), das „Lachen im Halse stecken bleiben“.


Was eine moderne Ehe angeht, was die verquere Lust an unsinnigen japanischen Ritualen betrifft, was die ständige Frage „nach Erlaubnis“ durch eben jenen Philip an Cheryl angeht. Worum Philip bittet? Das sollte jeder Leser selber nicht nur Lesen sondern fast physisch schmerzlich erfahren während der Lektüre, denn dies ist einerseits so abseits von gewohnten Denkvorgängen, dass es unglaublich wirkt, aber nach einigen Seiten und einem Sacken lassen trifft es wiederum eine Tendenz in der Gesellschaft, alles möglich zu denken und nur irgendwoher den „Startschuss“ bekommen wollen. Weil man sich „einfach so“ wohl doch nicht traut (völlig zu Recht, aber natürlich nicht zu verhindern auf Dauer).

 

So treibt die Frage immer mehr den Leser an, wie dieses unendliche Chaos und Panoptikum seltsam wirkender und doch nur die Gegenwart des Lebens wiederspiegelnder Gestalten am Ende ihren Weg finden wird. Oder auch nicht.

 

 

Auch wenn es July an manchen Stellen zu weit treibt, auch wenn nicht selten sich eher Verwunderung statt Verstehen im Leser breitmacht und auch wenn eine solche Vielfalt an „gestörten Personen und Situationen“ den Leser nicht selten überfordert, insgesamt bildet der Roman eine andersartige, anregende und intensive Lektüre. Wenn man sich darauf einlässt.

 

M.Lehmann-Pape 2017