C.H.Beck 2010
C.H.Beck 2010

Monique Truong – Bitter im Mund

 

Bittere Erlebnisse

 

Bitter ist der Tod der Großmutter Iris. Nicht allein aufgrund der familiären Verbundenheit, sondern aufgrund des letzten Satzes, den sie ihrer Enkelin Linda Hammerick sagt, bevor sie stirbt. Dass diese unter dem zerbrechen würde, was die Großmutter über sie weiß.

 

Worte, die bei Linda nicht nur im übertragenen Sinn einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen, denn sie hat eine ganz besondere Fähigkeit. Sie kann „Wörter schmecken“ im wahrsten Sinne des Wortes (im Fachbegriff Synästhesie).

Dem, was gesagt wird, dem, was an Schallwellen im Raume steht korrespondiert in ihrem Mund ein dazugehöriger, passender Geschmack, der den eigentlichen, oft versteckten Sinn der Worte schmeckbar, fühlbar und fassbar macht, zumindest für Linda Hammick.

Eine Gabe, die ihr oft und oft dazu verhilft, sehr klar zu sehen, was der oder die andren wirklich meint und damit sich in einer Welt der Klarheit der Beziehungen auch zu bewegen.

 

Nur was ihr Kindheit angeht, da funktioniert das nicht. Da ist immer nur dieser bittere Geschmack im Mund, da werden die Ereignisse nicht fassbar, da stehen keine erinnerten Worte im Raum, an denen sich Lindas Leben als Kind festmachen könnte.

 

Sie, die im Süden der Vereinigten Staaten, aufgewachsen ist und nun seit langem bereits in New York lebt, will nicht länger mit dieser Ungewissheit leben. Linda Hammerick macht sich auf nach Boiling Springs, dem Ort, an dem sie aufgewachsen ist.

 

Dort will sie den fehlenden Erinnerungen ihrer ersten sieben Lebensjahre auf die Spur kommen und dort trifft sie auf die noch lebenden Familienangehörigen und Wegbegleiter ihrer Jugend. Und dort fließen auch die heimlichen Dramen ihrer Familie gerade im Blick auf Lindas wirkliche Herkunft zusammen.

 

Doch bei aller Wiedersehenserinnerung, bei allen Geschichten, die im Buch erzählt werden über die einzelnen Figuren dieser Welt in Boiling Springs, die Mutter, mit der Linda ein distanziertes Verhältnis hat, die ehemalige Jugendliebe Wade, die damals beste Freundin und bis in die Gegenwart verbundene Kelly, der Großonkel Baby Harper, der nicht nur die erste große Liebe in ihrem Leben, sondern der auch ganz anders ist, innerlich freier, als die anderen der Familie, bei all diesen Geschichten und Erinnerungen bleiben die frühen Jahre zunächst im Dunkeln.


Erst als Baby Harper stirbt und Linda in seinem Nachlass Erinnerungsstücke und Fotos findet, die in ganz andere Richtungen weisen als in die einer heilen Südstaatenfamilie und die vor allem ihren Vater in einem ganz anderen Licht zeigen, beginnt sich der Schleier der fehlenden Erinnerungen zu lüften. Und so wird deutlich, warum das Verhältnis zur Mutter DeAnne so distanziert ist, warum sich Linda immer ein stückweit als Fremde gefühlt hat, und was genau jene Bitterkeit ist, die sich im Blick auf diese Kinderjahre in Lindas Mund festgesetzt hat.

 

Eine präzise, klare und flüssige Sprache, hervorragend übersetzt und umgesetzt von Peter Torberg, lässt den Roman Seite für Seite eindringlich zum Kern der familiären Verwicklungen fortschreiten. Jede der Figuren stellt eine ganz eigene Welt dar, eine ganz eigene Herangehensweise an das Leben und eine ganz eigene Haltung Linda und ihrer Herkunft gegenüber.

Sicher ist die Vielzahl der Geschichten, Erinnerungen und Rückverweise nicht immer förderlich für den stringenten Fortgang der Geschichte, manches wirkt auf Dauer durchaus ein wenig ermüdend, immer aber hält Monique Truong am eigentlichen Thema ihres Buches fest, an den Menschen, die einem beim Aufwachsen die Welt ausmachen und für das Leben prägen und den sichtbaren und unsichtbaren Verbindungen liebevoller, aber auch abstoßender Art, die jene Welt im Beziehungsgeflecht letztlich ausmacht.

 

Eine kluge Studie über familiäre Bindungen und das Anderssein in einer Welt, die auf Gleichklang hohen Wert legt. Sprachlich kompetent und flüssig geschrieben und übersetzt, hier da mit Längen, die aber im Gesamten durchaus verschmerzbar sind im Blick auf die dichte Atmosphäre, die im letzten Teil des Buches fühlbar entsteht.

 

M.Lehmann.Pape 2010