Klaus Wagenbach 2011
Klaus Wagenbach 2011

Najat El Hachmi – Der letzte Patriarch

 

Steter Tropfen führt zur Freiheit

 

Mimouns Geburt stand unter schlechten Vorzeichen. Lange war er erseht worden, der erste Sohn in der marokkanischen Familie von Driouch. Nur Mädchen waren bisher geboren worden. Eine Schande für den Vater und eine Sorge für die Mutter, denn wer sollte das Wichtigste der Welt, die eigene Familie, fortführen? Doch nun wird Mimoun geboren. Eine stille Geburt. Wie man allgemein weiß im Dorf ist das ein schlechtes Vorzeichen. Einer, der bei der Geburt keinen Ärger macht, der wird im Leben für viel Mühsal sorgen.

 

So abergläubisch das klingt in dieser grundlegend patriarchalisch ausgerichteten Gemeinschaft, so sehr treffen die Worte ein. Eine der ersten Handlungen Mimouns wird es sein, den nachkommenden Konkurrenten, den kleinen, neugeborenen Bruder, der in der Sekunde der Geburt bereits die Aufmerksamkeit von Mutter und Schwestern erhalten wird, umgehen und unbemerkt mit einem Kissen zu ersticken.

 

Schon dieser Einstieg in die fulminante Geschichte, die Najat El Hachmit bravourös zu erzählen weiß, legt die beherrschenden Themen des Buches offen. Die strikte, patriarchalische Lebensordnung moslemischer Prägung, die bis auf Abraham zurückgehend den Vater zum unumschränkten Herrscher seiner Familie macht, die Nr. 1 eben und den ältesten Sohn umgehend zur Nr. 1a erhebt ist das eine und der Kampf für das eigene Leben, der schrittweise Weg zur eigenen Befreiung aus diesen demütigenden und lähmenden Strukturen ist das zweite Thema dieses Buches. Und gerade die Szene des Brudermordes zeigt, dass dieser Mimoun noch nicht einmal ein besonders verschlagener und bösartiger Mensch ist, sondern eben nur von Beginn an erlebt und sich eingeprägt hat, dass es in diesem Leben nur um ihn geht, er ganz oben steht. Alle anderen, vor allem  die Frauen, haben ihm zu Gefallen zu sein. Mimoun ist eben „besonders“, wie ein Kapitel des Buches betitelt ist.

 

Themen, die El Hachmi in ruhiger, nie aufgeregter Sprache erzählt. Ein Stil, der den letztlich unvorstellbaren Zuständen und den vielfachen „Zähnungen“ von Ehefrau und Töchtern durch Mimoun, den „letzten Patriarchen“ der Familie eine ganz besondere, erschreckende Wucht verleiht. Ein nur vordergründig fiktiver Lebensbericht, der zeigt, das vielfache Vorurteile gegen archaisch anmutende soziale Formen nicht aus der Luft gegriffen sind. Mimoun, der nach Spanien emigriert ob der besseren Verdienstmöglichkeiten dort, der seine Familie nachkommen lässt und diese allein der eigenen Bequemlichkeit nach fast „abrichtet“, der seinerseits aber in keiner Form sich dieser Familie innerlich verpflichtet weiß, sondern mit größter Freude alles weibliche „besteigt“ und „benutzt“, dessen er habhaft werden kann. Immer mit einem zutiefst verachtenden Unterton, der auch den eigenen Frauen im Haushalt gegenüber nicht nachlässt.

 

„Wehe, sie erwischen dich, wenn ein Junge dich küsst“. Diese andere Seite der Doppelmoral ist nur eine der vielfachen Erschwerungen, denen die Ich Erzählerin des Romans, eine der Töchter Mimouns, zunächst mit Angst, dann mit sich steigernder Wut, dann mit klaren Schritten der eigenen, inneren Befreiung sich gegenüber sieht. Eine Befreiung, dass soll nicht verschwiegen werden, die eher dem Glück denn einer geplanten Handlung verschuldet ist. Denn irgendwie wurde die Tochter übersehen, als um sie herum bereits vielfach Freundinnen, bekannte Mädchen aus der Schule bereits verschwunden waren und als Ehefrauen umgehend wieder auftauchten. Sie aber erhält die Chance zur inneren und äußeren Bildung. Eine Chance, die sie nutzt.

 Gut so, denn so verdeutlich sie, dass „nicht alles im Buch des Lebens im Voraus geschrieben ist“. Auch dies übrigens ein Machtmittel des beschriebenen Patriarchats, die Behauptung der Unabänderlichkeit der Zustände und der Dinge. Ein Patriarchat, dass durch eine intensive und gezielte Strategie endgültig beendet werden wird, ganz am Ende des Buches.

 

Najat El Hachmi hat ein fulminant erzähltes Buch vorgelegt, dass intensiv demütigenden und einengenden Lebensformen nachgeht, wie sie auch heute noch vielfach gelegt werden. Ein Buch, indem sie vor allem zeigt, wie es auch als Frau gelingen kann, diese archaischen Lebensweisen zu durchbrechen. Mit viel Mut und klaren Gedanken.

 

M.Lehmann-Pape 2011