Galiani 2016
Galiani 2016

Nele Pollatschek – Das Unglück anderer Leute

 

Untrennbare Melange aus Nähe und Distanz

 

Aber gewaltig nervt die Mutter Thene. Unglaublich gewaltig.

 

„Es gibt Menschen die liebt man, aber man kann sie nicht leiden. Menschen, mit denen man auf immer verbunden ist, mit denen man aber um Gottes willen nicht in einem Raum sein möchte“.

 

Was auf Thenes Mutter zutrifft. Für Thene jedenfalls.

 

Und dennoch, da kann noch so viel passiert sein mit der unzuverlässigen, stets unpünktlichen, konsequent nur mit sich beschäftigten und manipulativen Mutter. Die nie zugeben würde, irgendetwas falsch gemacht zu haben.

 

Auch nicht als Thene als Kind barfuß im Winter vor der Haustür stand und sich weigerte, sich zu bewegen. Weil ihr Vater ihre Weihnachtsgeschenke zurückgegeben hatte um nicht mehr erpressbar zu sein durch seine ehemalige Lebensgefährtin.

 

Und nun steht Thenes Abschlussfeier in Oxford an, das Studium gut beendet. Von allen Seiten kommen Familienangehörige nach Oxford, um der Abschlussfeier beizuwohnen. Natürlich auch Thenes Mutter, ihr Vater, dessen Lebensgefährt, die beiden Stiefgeschwister (ihren Stiefbruder, den „Magier“ liebt Thene über alles).

 

Großeltern väterlicherseits, die Thene noch gar nicht kannte.

 

Eine Großmutter, die konsequent die Wahrheit sagt und kein Blatt vor den Mund nimmt, gerade ihrer „Punkt-Tochter“, Thenes Mutter, gegenüber nicht. Während sich Thenes Vater biegt und beugt und es längst aufgegeben zu haben scheint, diesem Tornado einer Egomanin gegenüber zu widersprechen.

 

Und auch Thene selbst ertappt sich immer wieder, gegen alles Wissen der Vernunft, dass die „Kinderseele>“ in ihr sich nicht wirklich zu lösen versteht. Dass das Erwachsene-Ich und das Kindheits-Ich in ständigem Widerstreit stehen. Was Thenes Mutter sehr genau weiß und damit doch immer wieder Thene in Situationen bringt, die sie nie mehr im Leben erleben wollte.

 

Eine innere Spannung, die selten so gut, witzig und auf den Punkt in Form eines inneren Monologes beschrieben wurde, wie es Pollatschek im Roman gelingt.

 

Alles also im inneren Wirrwarr. Bis das „große Sterben“ beginnt und auch in der Außenwelt die Dinge Fahrt aufnehmen in teils skurriler Richtung.

Denn selten hat in einer Familienkomödie der hoch-ironischen Art der Tod eine so maßgebliche Rolle, wie in diesem Roman.

Den Nele Pollatschek mit zwar teils unglaubwürdigen (siehe manche der Tode, gerade am Ende des Romans) Ereignissen würzt, diese aber in einer solch pointierten Sprache auf das Papier bringt, das man als Leser kaum anders kann, als mit tiefem Grinsen den sich überschlagenden Ereignissen im Roman zu folgen.

 

Und zudem sicher auch Teile der eigenen Lebensgeschichte darin wiederzuerkennen, denn wer kennt das nicht, das man „dauerhaft Kind“ bleibt in den Augen der eigenen Eltern und manche Verhaltensweisen „wie auf Schienen“ immer wieder den gleichen Ablauf nehmen, den man doch nie wieder erleben wollte und der im eigenen, erwachsenen Leben auch nicht vorkommt. In der Regel.

 

Ein paar Längen allerdings finden sich ebenfalls im Roman, gerade nach dem starken Beginn und der intensiven Beschreibung der Mutter und der Verhältnisse untereinander wird es doch fast ein wenig zu viel an Anekdoten und Ereignissen, an Verhaltensweisen der Protagonisten, die teils zu merkwürdig dann folgen. Nach dem ersten Todesfall im Roman, der wiederum auf einem gewissen exzentrischen Irrwitz beruht, der das Leben der verschiedenen Familienangehörigen auszumachen scheint.

 

Eine anregende, sprachlich mit viel trockenem Humor verfasste, innere „Odyssee“, deren äußere Orte zumindest die bisherigen Lebensorte der Autorin widerspiegeln.

 

 

 Michael Lehmann-Pape 2016