Kiepenheuer und Witsch 2014
Kiepenheuer und Witsch 2014

Nick Hornby – Miss Blackpool

 

Gelungene Hommage an eine Zeit

 

Das ist schon etwas Besonderes, damals wie heute, wenn eine junge Frau eine Miss-Wahl gewinnt. Nur das jene Barbara daran so überhaupt kein Interesse zu haben scheint und eher Abstand halten möchte zu diesem aufdringlichen Bürgermeister bei der Kür der Siegerin (und seinem abfälligen Verhalten seiner Frau gegenüber).

 

„Barbara wollte aber nicht Königin für einen Tag sein, und auch nicht für ein Jahr. Sie wollte gar nicht Königin sein“.

 

Nein, Barbara ist ein Fan von Lucille Ball und ihrer regelmäßigen Sendung „I love Lucy“. Dieser hintergründige Humor, dass ist Barbaras Sache.

 

Und so steht für Barbara fest: „Sie wollte ins Fernsehen und dort Leute zum Lachen bringen“.

 

Blackpoole, ihr Heimatort, in dem sie gerade zur Miss gekürt wurde, hat da nicht viel zu bieten. Und eben „Königinnen waren nicht lustig, jedenfalls nicht in Blackpoole oder im Buckingham Palace“.

 

So kommt es, wie es kommen muss. Barbara geht nach London, dem Mekka des Fernsehens in England. Und hat Erfolg (wie Hornby gut beschreibt mit vielen Zufällen und Glück, gewartet hat auf Barbara nun wirklich niemand in der Londoner Fernsehunterhaltung).

 

Wie ihr Vorbild wird sie Dreh. Und Angelpunkt einer regelmäßigen Show und ist ganz verfangen in diese, ihre neue Welt.

 

Um diesen roten Faden herum entwirft Hornby ein, wie immer luftig geschriebenes, treffendes Bild der Zeit, der „wilden 60er“ Jahre. Die für jene in dieser Zeit lebenden in nicht wenigen Phasen so frei, wild und „lustig“ gar nicht waren.

 

Eine Zeit, in der Ressentiments und ein gesellschaftlich fester Status Quo den Alltag bestimmten, in dem die ersten „Abweichler“ zum Ende des Jahrzehnts hin fühlbaren Druck spürten und einer engen Moral sich gegenübersahen.

 

Weder ist die „neue Familie“ im Sender so harmonisch und homogen, wie es manchmal den Anschein hat, noch ist es einfach, der aufkommenden Pop Kultur „einfach so“ zu folgen.

 

Sensibel folgte Hornby in dieser Gemengelage seinen Protagonisten, an denen er grundlegende Themen der 60er Jahre aufzeigt und mit leichter Hand abarbeitet, an denen er das immerwährende Thema der Reibung zwischen „Neu und anders Wollen“ und festgefügter Gesellschaft aufzeigt und dies in seinem Personal in den verschiedenen möglichen Reaktionsweisen lebendig werden lässt.

 

Manches Mal allerdings steht der Leser ob der vielen Figuren in Gefahr, ein wenig den Gesamtüberblick zu verlieren und den roten Faden aus den Augen zu verlieren, zudem fehlt in manchen Situationen auch der Humor, der Hornby auszeichnet und hier und da durchblitzt, allgemein aber zu wenig zur Auflockerung beiträgt.

 

Dennoch eine interessante Lektüre aus einer ganz anderen Sicht auf eine bewegende und verändernde Zeit.


M.Lehmann-Pape 2014