Klett-Cotta 2013
Klett-Cotta 2013

Nickolas Butler – Shot Gun Love Songs

 

Freundschaft und echte Heimat in poetischer Kraft

 

Es ist ein eher „leiser“ Roman, den Nickolas Butler vorlegt. Ein Roman, in dem gar nicht so viel Sonderliches oder Dramatisches an äußeren Ereignissen geschieht.

 

Es sind die emotionalen Stationen des Lebens, Verlieben, Heiraten, alte Freundschaften, die auf Proben gestellt werden, Trennungen, empfundener Verrat, Enttäuschungen, aber auch tiefe Verbundenheit, Werte außerhalb der materiellen Welt, tiefe Zuneigung, Nähen und Distanzen, aus denen Butler seine Geschichte von Freundschaft, Liebe und Heimat, besser gesagt einem „eigentlichen zu Hause“, strickt.

 

Dieser kleine Flecken in Wisconsin, der ist so eine Heimat.

 

Weil alle Protagonisten da geboren und aufgewachsen sind. Und da ist eben auch, neben „Heimat“, das eigentliche „zu Hause“, wo Bindungen sind, Freundschaften von Kindheit an.

 

Auch wenn Lee ein Rock-Weltstar geworden ist, auch wenn Henry irgendwann erfahren muss, dass da nicht alles immer so völlig im Reinen war mit seiner Beth, auch wenn Kip bei seiner Rückkehr in den Ort und seiner Heirat gnadenlos ausnutzt, wie prominent Lee und dessen aktuelle Freundin, eine Hollywoodschauspielerin, ist. Es ist die Gesamtheit auch mancher „Leute am Rande“ (wie Eddy), die ein wahres Kaleidoskop des Lebens ergeben.

 

All das führt im Verlauf der Geschichte und Geschichten zu innerem Aufruhr, zu schäumenden Gefühlen, auch zum Ausbrechen aus dieser auch engen Welt.

 

Gefühle, die Butler sehr treffend und einfühlsam darstellt, wie er überhaupt seine Figuren sehr empathisch und wunderbar skizziert, sie immer auch zu Stellvertretern ganze Lebenshaltungen und Erfahrungswelten gestaltet.

 

Einer, der sensibel, fast ungeschützt, seinem Ruhm ausgesetzt ist. Eine, die ganz in der Oberfläche der „Scheinwelt“ aufgeht und echte Bindungen nicht leben kann. Eine, die ihren Teil gewählt hat, aber doch mit leichter Wehmut auch zurücksieht. Einer, der auf dem Weg zu lokaler Prominenz war und seit einem Unfall mit vielfachen Einschränkungen, einer „Langsamkeit“ im Denken, leben muss. Einer, der gerade und klar seinen Weg geht und selten ins Schwanken zu geraten scheint. Einer, der sich gerne überschätzt und lange braucht, darin die Kurve zu bekommen. Eine, die „neu“ ist und gar nichts dafür kann, die für Fehler ihres neuen Mannes zunächst den Preis mit bezahlt.

 

Und alle sind miteinander verbunden, im Hintergrund und im Vordergrund.

 

Zwischen den Perspektiven der Protagonisten wechselnd erzählt Butler von dieser Verbindung untereinander, zueinander, vor allem aber, wie diese kleine Stadt von Lees Musik  bis zu Kips „Traum von der Mühle“ den Fluss des Lebens in sich vereint.

 

„„Lee, komm mal runter“, sagte ich. „Morgen müssen wir alle wieder Freunde sein“.

 

Ein Satz, der in seiner Einfachheit das Buch in den vielen Verästelungen in sich trägt. Denn eigentlich, „Müssen“ muss da keiner, könnte man meinen, aber „anders können“, das wird das geprägte Innere und die gemeinsame Geschichte nicht wirklich zulassen.

 

Es ist aber sicherlich auch, neben all dem „Menschlichen“,  eine plakative Gratwanderung, die Butler in diesem Roman überdeutlich als Instrument der Darstellung nutzt und die in dieser Schwarz-Weiß Haltung nicht unbedingt von jedem geteilt werden wird.

 

Die Beschreibung einerseits einer zwar materiell schwierigen, aber doch fast „heilen Welt“ auf dem Land in Wisconsin. Da, wo „echte Menschen echten Gefühlen den Vorrang im Leben geben“ und demgegenüber als Gegenbild New York und die „Medienszene“ vor allem zu setzen, wo materiell alles einfacher scheint, aber nur Fassaden gelebt werden und emotionale Enttäuschungen an der Tagesordnung sind. Mithin somit eine Diskrepanz des heutigen Lebens, die Butler sehr einseitig und eindeutig vor Augen führt und die eine Art „heile Welt auf dem Lande“ oft doch unkritisch setzt (bei allen Versuchen der Differenzierungen).

 

So einfach und schwarz weiß wird das im „wahren Leben“ nicht sein.

 

 

Wie Butler allerdings diese „inneren Lebensmöglichkeiten“ an diesen Polen verdeutlicht, an seinen liebevoll und intensiv gezeichneten Personen anbindet, durcharbeitet und damit den Leser tief mit hinein nimmt in diese vielfachen leisen (und mal lauteren) Emotionen, das ist wunderbar geschrieben und ein anrührendes Leseerlebnis, das einen den Wert, die eigentliche Basis und die Wichtigkeit von echten Freundschaften nachhaltig vor Augen führt.

 

M.Lehmann-Pape 2014