Ullstein 2013
Ullstein 2013

Nicola Karlsson – Tessa

 

Ohne Halt

 

Es ist im engeren Sinne kein Protokoll eines inneren Weggleiten, welches Nicola Karlsson in ihrem Debüt vorlegt. Tessa, die Hauptperson, ist bereits wie weggedriftet. Wobei im Lauf der Lektüre klar wird, dass es durchaus noch reichlich Platz nach unten hin gibt, der Boden noch nicht erreicht oder gar nur in Sicht wäre.

 

Alkohol. Ständig. Frühstück bereits mit Resten des Weins, den man irgendwo noch findet. Tabletten, gerade die zur Beruhigung, das wirkt deutlich noch besser. Wobei der Drang stetig zu spüren ist, härteres, am Liebsten Wodka zuzuführen. Doch eine die ein oder andere Line Koks wird von Tessa nicht verschmäht.

 

Mit übrigens schon auf den ersten Seiten nachzulesenden radikalen Folgen da, hinter dem Zaun, auf dem Boden, begleitet vom Barmann, der den ein oder anderen Wodka nachher aus gratis herausgerückt hat.

 

Wobei Tessa auch nicht davor zurückscheut, dem Freund mal schnell ungefragt und unbemerkt 50 Euro zu „entleihen“

 

Tessa mag sich ja einreden, dass dies gerade unbedingt nötig ist ob der plötzlichen Distanz, die ihr Freund Niko ihr gegenüber an den Tag legt. Hysterische Anfälle wechseln mit anschmiegsamen Kleinmädchenhaltungen, wütende Verdächtigungen mit heulendem Elend.

 

Gut versteht der Leser diesen Niko. Sicher kein Kind von Traurigkeit, aber doch einer, der die Bodenhaftung bei weitem noch nicht verloren hat.

 

„Es macht mich müde, dir dabei zuzusehen, wie du dich kaputt machst. Diese ewige Suche nach dem Drama. Ich kann das nicht mehr. Ich habe da keine Lust mehr drauf“.

 

Und auch für den Leser ist das teils fast schmerzlich zu lesen, gerade in der ungeschminkten, plastischen Schilderung, die Nilsson anführt.

 

Wie Tessa auf allen vieren, benommen und heillos betrunken eine leere Schachtel Zigaretten nach der anderen verzweifelt schüttelt, wegwirft, durchsucht, bis sie einen Stummel noch gefunden hat auf dem dreckigen Wohnzimmerboden.

 

Doch im Kern schildert die Autorin nicht unbedingt nur eine Fallstudie einer süchtigen Frau. Vor allem legt Sie Haut für Haut den Kern des Problems offen, geht an die Ursachen.

 

Jene Tessa eben, die oft noch nicht einmal wagt, laut zu atmen, damit ihr Niko dass nicht als anklagenden Seufzer verstehen könnte. Deren Gedankens ständig in rasendem Tempo arbeiten, wo sie am besten wie gekleidet sich aufhält und benimmt, um „gut anzukommen“. Eine Panik und Angst bestimmt diese Frau, deren einziges Hilfsmittel zunächst die Betäubung ist, die Flucht vor sich selbst.

 

Das ist in all dem inneren Leiden, in der Hysterie unter Alkohol, im ständigen weiter weg gleiten von sich selbst, im Angesicht so mancher Toilettenschüssel nicht einfach zu lesen und einfach zu ertragen und viel weniger ein Roman, denn eine schonungslose zur Schau Stellung innerer Angst, Panik und Verlorenheit mit sich selbst inmitten der großen Stadt und der vielen Kontakte, die doch das Innere nicht mehr erreichen.

 

Auf Dauer ermattet diese ständige Krise zwar bei der Lektüre, dennoch lässt das Buch den Leser nicht los, bis zur Klärung der Frage, ob am Ende eine Kurve genommen werden wird oder der völlige Untergang wartet. Begleitet von dem ständigen „Schütteln wollen“ Tessas, weil es kaum mit anzusehen ist, wie sehr sie nicht erkennt, dass ihre eigene Haltung, ihre Angst, ihre Verschlossenheit vor sich selbst das wäre, was anzugehen ist. Nicht die nächste Flasche.

 

M.Lehmann-Pape 2013