Wellhöfer 2015
Wellhöfer 2015

Nikolaj Tabakov – Der erdachte Krieg

 

Vielschichtig und mit kraftvoller Sprache

 

Schon der Titel und die Ereignisse um den „erdachten“ Krieg zeigen die Vielschichtigkeit, mit der Tabakov seine Geschichte, seine „Erfahrungswerte des Lebens“ erzählt.

 

Denn da findet doch real was statt, das ist doch nicht nur erdacht. Oder folgen seine Kriegs-Beschreibungen (die im Übrigen nur einen kleinen Teil der Geschichte im Buch ausmachen) doch „erdachten“, märchenhaften, symbolischen Zügen? So, wie viele andere Elemente des Romans immer wieder zurückgeführt werden auf das Märchen von den Störchen und den Adlern, das im Buche erzählt wird? Und das Tabakov auf eine ganze Reihe eindrucksvoller, differenziert und lebendig gezeichneter „realer“ Figuren verteilt.

 

Andererseits, dieser „erdachte Krieg“ in Südosteuropa fordert reale Opfer, schlägt eine Schneise in die weit verzweigte Familie Ster, kostet die „Gegenseite“ einen Arm und ist somit alles andere als „nur erdacht oder geträumt“ für den weiteren Verlauf der Geschichte.

 

In der Tabakov in der Regel mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Ereignisse bleibt (nur hier und da, tatsächlich etwas irritierend, stark symbolische, märchenhafte Züge einfügt, wenn Mitglieder der Familie Ster plötzlich sich „empor schwingen“ und „davonfliegen“).

 

Liebe, Eifersucht, Trauer, Glück, Familienbande, Tradition und Moderne, Prägung und Freiheit, der alte Kampf des Menschen gegeneinander um Einfluss und Macht, all das sind die Themen, die Tabakov wunderbar verwoben in seiner teils kantigen, immer aber klaren und bildreichen Sprache für dieses „moderne Osteuropa“ setzt.

 

„Seine Schultern, die Hände, sogar sein Gesicht, wenn ihr wollt, hatten die Form eines Quadrats, eines militärischen Karrees“.

 

Zwei Familien stehen im Mittelpunkt der Erzählung, samt all derer, die sich im Lauf der Ereignisse um diese beiden Familien mit drehen werden und samt der inneren Bindungen, die zwischen Teilen beider Familien entstehen werden. Bindungen, die es nicht leicht haben in dieser sich verzweigenden, auseinanerdriftenden Welt.

 

Die Familie Ster, die im Winter ihre Wege geht, von Paris bis Moskau bis Kanada und wo auch immer Kontakte wichtig sind oder es einfach angenehm ist, sich aufzuhalten. Aber im Sommer trifft man sich im alten Dorf in Bulgarien. Hält die Tradition des Familienessens hoch (mitsamt einer wunderbaren und griffigen Beschreibung, was unter „Kleingebratenem“ zu verstehen ist).

 

Doch die Ereignisse und Gedanken haben ebenfalls trennende, in die Ferne ziehende Kraft. Der eine,  als Hedonist, sucht die legere, westliche Welt mit ihren Liebschaften und ihrem Glücksspiel, der andere sucht lange die Liebe, die schon in den ersten Zeilen des Buches beginnt. Und da ist ja auch noch der „graue Adler“, eine Art „Pate“ des Dorfes, später Bürgermeister, der keine Ruhe lassen will und wird, was diese Familie und seinen unbändigen Drang der Brechung allen Widerstandes angeht.

 

Überall wird dabei deutlich, auf wie vielen Ebenen die Geschichte zu lesen wäre.

Als Parabel über den Menschen an sich, der so oft gegeneinander steht und selten daraus lernt (selbst wenn man einen Arm verliert, selbst wenn man im Elend für Unterstützung ansteht, wie „der Storch“ entsetzt erleben muss). Oder als Symbol, der angespannten Atmosphäre im Osten Europas Russland (Adler) gegenüber. Oder als Ringen zwischen Weisheit und Glück auf der einen und materieller Ausrichtung auf der anderen Seite. Oder als Blick auf die erodierenden Familientraditionen alter Tage in der modernen Zeit, die auch im Buch die Menschen geographisch (und im Herzen) teilweise weit auseinanderbringt?

 

„Rede kein dummes Zeug, Junge. Der Alltag tötet alles. Der graue Alltag. Die Sorge ums tägliche Brot. Was bildest Du Dir ein? Dass sie weiser geworden sind?“

 

Das macht es schwer, das Ansinnen, Weisheit weiter zu geben.

 

Während die beiden Schwestern Tatjana und Swetlana aus dem behüteten Schoß ihrer Familie in Rostov ebenfalls ihre eigenen Wege gehen. Und so verschieden diese Wege auch sind, so glitzernd gerade für Svetlana sich der „goldene Westen“ öffnet, so betörend sie auch für manche selbst Gouverneure ist.

 

Was wird am Ende stehen? Zwischen den Personen, den Liebenden, den sich Trennenden, den nicht zusammenkommenden? Nach tödlichen Ereignissen, Trauer, Eifersucht und Sehnsucht und tiefer Freundschaft (die sich nur selten im Leben ereignet)? Nach dem Aufeinanderprallen von Weisheit (die „Störche) und Menschen mit „gestandenem, aber schwierigem Charakter“ („Adler“), die doch den Takt der Moderne vorzugeben scheinen mit ihrer skrupellosen Haltung.

 

Eine Liebesgeschichte einerseits mit vielfachen Wendungen und Verschachtelungen, ein Blick auf das moderne Leben des Erfolgs und Konsums und des Strebens nach Macht, ein Blick auf die althergebrachte, „analoge“ Lebensweise und das, was mit ihr verlustig geht.

Mit einem „Personal“, das mitten aus dem Leben gegriffen ist und, jeder und jede für sich, auch Archetypen abdeckt, die für die Vielzahl aktueller Lebensentwürfe und Lebensweisen stehen.

 

Eine sehr lesenswerte, sprachlich anregende, bildkräftige Lektüre, die den Leser nicht so schnell loslässt und einen Einblick in das Fühlen und Denken der Regionen in Osteuropa gibt angesichts der schnellen und tiefgreifenden Veränderungen des Lebensalltages.

 

Aber, war es je anders? Und dennoch gilt und bleibt die Hoffnung: „Es wird nicht immer so sein“.


M.Lehmann-Pape 2015