Welllhöfer 2013
Welllhöfer 2013

Nikolay Tabakov – Ja.

 

Rahmensprengend

 

Fast physisch ist der Roman des in Bulgarien gut bekannten Schriftstellers Tabakov, der mit diesem Buche erstmals auf Deutsch erscheint, den Rahmen sprengend. Sprachlich üppig, bildreich, assoziativ, mit einer Vielzahl von Figuren, mit dem Wechsel in den Formen von Liebesgeschichte zu Geschichtsunterricht zu teils fast schnodderigem Dialog mit dem Leser bis hin zu sanften Szenen und hier und da gesetzten, tiefen philosophischen Grund-Sätzen.

 

Mit einem Spiel mit den Figuren, dass auch harte Brüche setzt, eigenartige Charaktere auftreten lässt, Leben in stetiger Tradition und sprunghafter Moderne nicht nur im Gesamten in Reibung treten lässt, sondern auch in den einzelnen Personen für Spannung sorgt.

 

Wie beim Jura Studenten Wesko, der ins Dorf Roggen im Tal Stram zurückkehrt zu seinen Eltern. Der mit den beiden ungleich langen Beinen, der, der sich bei einem Dorffest unrettbar in die Schönste des Dorfes, in Bozhana verliebt. Der von der „Dorfjugend“  auf den Tod vermöbelt wird, von Kamen Enev (einem „Heiler“, vielschichtigen Menschen, zudem der urkundliche Besitzer des Tales aus Familienerbe heraus) „zurückgeholt“ wird. Nur, dass er seine Sprache verloren haben wird. Nur, dass nun Bozhana seine Gefühle erwidert. Der sich auf dem elterlichen Hof einrichtet, als Schriftsteller Weltkarriere. Der Stolz der Eltern, der für schwerste, tödliche Enttäuschung dennoch sorgen wird.

 

Was bis dahin wie ein Heimatroman wirkt des „guten Jungen“, der das „schönste Mädchen“ mit „Schicksal“ erobert, wendet sich umgehend, als Bozhana diese Liebe aufkündigt, Karriere bei den Medien macht und sich noch nicht einmal erklärt. Selbst da noch legt Tabakov seinen Wesko harmonisch an, bis plötzlich gesammelter Hass, Frustration, Rache im Raume stehen. Die sich, schwer erklärbar, nicht vordergründig (hintergründig schon) gegen das Mädchen (wobei auch diese Geschichte nicht zu Ende gesponnen ist) richten, sondern sich  unversöhnlich gegen den „Heiler“ wenden. Der hat ihn ja „stumm“ gemacht, oder?

 

Eines ist bereits hier schon klar: Äußerer Erfolg, eine Karriere, erweckt nicht jenen inneren Frieden und ein „zu sich selbst finden“, das alleine dem Menschen Ruhe geben kann. So entfalten sich Wesko, Bozhana und Enev als die tragenden Figuren dieses Romans, in deren nicht ausreichenden „äußeren Erfolgen“ und deren innerem Erleben und gegenseitigem Beziehungsgeflecht Tobakov das Leben selbst wie es ist, wie es sein kann und woran es zugrunde zu gehen droht intensiv abhandelt. Wie in der im zweiten Teil des Buches bestimmenden Geschichte vom Versuch, das Tal „zu kaufen“. Als könne man das Leben kaufen und in einen Palast sperren.

 

Die Leitfrage des Romans im Gesamten wird so zum Angelpunkt aller Geschichten im Buch. „Wie soll man Leben?“. Mit nur mühsam und schwer zu erringenden Antworten.

 

Liebesgeschichten, bei der die Liebe nicht in die Tiefe reichen und manchmal doch. Ein stetiges Leben in den Traditionen im Tal und Ausbrüche aus demselben. Neid und Missgunst, Kämpfe und vermeintliche Siege, die Niederlagen sein werden. Eine Verweigerung jeder Wendung zum Happy End hin in den vielen kleinen Geschichten, welche die große Geschichte tragen. Wie aber soll man nun leben?

 

„Und Du, was willst Du? Leben oder einfach übrig bleiben“? So schleudert es Tabakov durch seinen Roman auch dem Leser entgegen.

 

„Wer aber einsam ist, der hisst früher oder später die weiße Fahne , und mag er noch so hart verpackt sein“. Und findet doch dann nicht „einfach so“ zur Gemeinschaft und zum Glück.

 

Einerseits also eine massiv resignative Unternote, was das „Gute und Leben mit Liebe“ im Menschen angeht und andererseits ein Buch voll Hoffnung darauf, dass der Mensch über sich hinauswachsen kann.

 

In einer üppigen, manches Mal aber auch überfordernden, überbordenden Sprache, die den Leser hier und da mehr herausreißt aus dem konkreten Geschehen, als ihn emotional bei der Stange zu halten. Mit Entwicklungen und Brüchen in den Personen und den Beziehungen, die manchmal nicht leicht zu verdauen sind und kaum vorhersehbar einfach stattfinden.

 

Und dennoch eine fesselnde Lektüre, die kaum aus der Hand gelegt werden kann, bevor nicht klar ist, was die Roma im Wald noch beizutragen haben, wie sich „Gevatter Wolf“ zwischen Liebe und Freundschaft hin- und hergerissen Freiraum verschafft und wie wenig es bedeuten wird, wem das Tal letztlich „juristisch“ gehört.

 

Alles in allem, auch wenn hier und da ein zuviel an assoziativer Kraft und Änderung der inneren Ausrichtung der Personen im Raum steht, ein anderes, intensives, Formen durchbrechendes und sprachlich üppiges Leseerlebnis, dass den Leser nicht loslässt.

 

M.Lehmann-Pape 2013