Hanser 2016
Hanser 2016

Nir Baram – Weltschatten

 

In kräftiger, bildreicher Sprache und ein Spiegel der Welt

 

Doppeldeutig, mindestens, zu verstehen ist nach der Lektüre der Titel dieses anregend, flüssig und durchaus auch spannend zu lesenden Romans von Nir Baram.

 

Es sind jene „im Schatten“, um die sich die Erzählfäden winden und drehen. Die, die wirklich die Dinge bewegen, die als Dienstleistung Wahlen professionell aufziehen und begleiten, die in Grauzonen wandeln, wo das Interieur elegant, die Speisen exzellent und die Getränke hochpreisig bereitstehen.

 

Es sind aber auch jene, welche damit „die Welt in den Schatten stellen“, unter deren hintergründigen Aktionen, Strategien, Bestechungen, Medienkampagnen ganz unbemerkt die Weichen für das Leben auf der Welt gestellt werden.

 

Und es geht um jene, die auf ihre Art, manchmal professionell fast (im Buch dann unter den schlagenden Sammelbegriff „Terroristen“ gefasst) sich wehren. Das so nicht auf sich beruhen lassen wollen.

 

Wobei, ganz nebenbei, während der Lektüre, gerade zu Beginn, auch der konkrete Ort Israel in seiner Zerrissenheit und den Strategien der letzten Jahrzehnte prägnant und realistisch dem Leser vor Augen geführt wird.

 

Und von da aus die konzentrischen Kreise von Aufstieg und Fall sich international über den Erdball bewegen.

 

Zunächst in der Person Gavriel Mansurs, der, naiv und unbeleckt, durch einen eher losen Kontakt seines Vaters selbst in Kontakt gerät mit einem Hedgefond. Keinem kleinen, im Übrigen.

 

Natürlich geht er davon aus, dass er tatsächlich ein konkretes Projekt ans Laufen bekommen soll. Und merkt schnell, dass die eigentliche Ware, um dies es in diesem Fall (und jedem anderen Fall im Buch) und ganz allgemein geht aus nur zwei Seiten besteht: Kontakte und Profit.

 

„Die Tatsache, dass er in Jerusalem nicht einen einzigen Menschen in einflussreicher Stellung kannte, schien ein unüberwindliches Hindernis“.

 

Wie eine Mauer sieht er das gesellschaftliche Leben vor den inneren Augen. Hinter jener Mauer nur wenige, die aber auch nur in ihren Kreisen und mit Geschäften, Überlegungen und Strategien beschäftigt, die sein Vorstellungsvermögen (noch) übersteigen.

 

„Schnell offenbarte sich ihm jetzt jene Mauer, die ihn vom anderen Jerusalem trennte“.

 

Doch Gavriel findet Wege, teils auch mit Glück. Und beginnt, seinen Weg zu machen und zu begreifen, dass auch dieser erste seiner Empfänge anderen Interessen dient, als es nach Außen scheint. Das auf bequemen Möbeln in angenehmer Atmosphäre einige Worte genügen, um ganze Wirtschaftszweige erblühen oder verdorren zu lassen.

 

Ebenso, wie, zunächst von diesen Ereignissen getrennt, MSV agiert, eine Agentur für Wahlkämpfe. Professionell und sehr erfolgreich werden weltweit Kandidaten, Parteien zur Macht geführt. Was ein einträgliches Geschäft ist und das nicht nur auf pekuniärer Seite.

 

Und doch, trotz des leisen Auftretens all dieser Hebelbeweger der Welt, es rührt sich Widerstand. Gegen das abgehängt werden. Gegen den Verlust von Einfluss der „normalen“ Bürger.

 

Von allen Seiten beleuchtet Baram damit auch das Puzzle der Welt, die verschiedenen Kräfte, die Wirken, die verschiedenen Haltungen, die auf verschiedenen Seiten, aber auch in verschiedenen Generationen der vermeintlich gleichen Seite auftreten. Das nämlich nicht alle „jungen Leute aus den besseren Kreisen“ dann doch irgendwann (nach ein bisschen Revoluzzer spielen) sich auf den gewohnten „Kern“ konzentrieren, sondern wirklichen Abstand finden.

 

Aber lohnt der Kampf? All die Kämpfe auf allen Seiten? Das ist die Frage, die Baram zum Ende hin immer deutlicher im Raum schwingen lässt und damit den Leser mit hinein nimmt in diese Grundfragen des menschlichen Miteinanders und des Aushandelns von Gerechtigkeit.

 

 

Ein inhaltlich wie sprachlich hervorragender Roman, der jede Zeile lohnt, der sich nie über den Leser erhebt und dennoch präzise die Spannungen und Reibungen (nicht nur) des aktuellen Zustandes der Welt in ihren Ursachen und Folgen aufzeigt.

 

M.Lehmann-Pape 2016