Knaus München 2013
Knaus München 2013

Noam Shpancer – Der glücklose Therapeut

 

Mit melancholischen Untertönen

 

Glücklos kommt sich David Winter, seines Zeichens Psychotherapeut, im Lauf der Geschichte durchaus mehrfach vor.

 

Eine Glücklosigkeit, die sich im Übrigen nicht erst seit kurzem durch sein Leben zieht. Schon die Hoffnungen seines Vaters, Arzt zu werden, hat er nicht erfüllt und nur „irgendwie“ ist er dann „Mentalarzt“ geworden. Trägt aber bis in die Gegenwart einen stetig zunehmenden Neid seinem Bruder gegenüber in sich. Dieser hat die Werkstatt des Vaters übernommen und „sieht am Ende des Tages, wenn etwas repariert ist“.

 

Sein Jahr als Arzt im Praktikum in einer geschlossenen Einrichtung, das Grauen. Sein beruflicher Alltag inmitten all der Wohlstandsbürger mit all ihren kleinen bis kleinsten Problemen, ermattend. Seine Frau vielleicht auf Abwegen? Seine Tochter wird erwachsen und ist ernsthaft an einem jungen Mann interessiert.

 

Genügend Gründe für Winter also, auch mal etwas positive Aufregung ins Leben zu lassen.

 

Barry Long taucht als Patient bei ihm auf, geschickt von dessen Arbeitgeber, einer Versicherung, die ein hohes Interesse an Fortschritten ihres Angestellten in der Bewältigung seiner Depression hat.

 

Mehr und mehr zieht Long nun Winter mit in seine Welt hinein. Nächtliche Anrufe, Hilfe-Rufe, stärker und stärker reicht der Einsatz Winters für seinen Patienten über die „normalen“ Therapiesitzungen hinaus. Doch sowohl der Leser wie das professionelle Umfeld Winters spüren: irgendwas stimmt bei all diesen Geschichten Barry Longs nicht.

 

Mahnungen, die Winter nicht hören will, die er in den Wind schlägt. Nur zu verstehen auf eben jenem Hintergrund der eigenen Melancholie, des eigenen Wirrwarrs im Inneren des Psychologen. Bis er an den Rand des Tragbaren und den fast Verlust seiner eigenen Welt geführt werden wird.

 

In ruhiger Art schreibt Shpancer, wie von ihm gewohnt. Allerdings wirkt sein David Winter hier und da doch etwas sehr naiv (oder zu sehr eingenommen von der ganzen Situation), denn offenkundig wird nach einer Weile in all den Ereignissen eine gewisse Surrealität ganz offen erkennbar. Auch der „private“ Verlauf in Bezug auf Winters Ehefrau Alex wirkt ein wenig aufgesetzt und doch sehr radikal an Veränderungen, deren Entstehung für Winter unerkannt stattgefunden haben soll.

 

Wie immer sehr interessant und fundiert finden sich daneben allerdings gute bestens erläuterte Einblick in Denken und Arbeit der Psychotherapie, ebenso wird das ein oder andere Krankheitsbild und dessen geschichtliche Entwicklung in der Bewertung hervorragend dargestellt.

Zusammen mit der sensiblen Darstellung der inneren Entwicklung David Winters und der sehr gut getroffenen Beschreibung seiner inneren Beziehungen, gerade zu seiner Tochter, ergibt sich am Ende ein schön zu lesender, fachlich fundierter Roman, der hier und da allerdings mit kaum glaubhaften Übertreibungen arbeitet, im Gesamten allerdings sehr gut den Verlust von professioneller Distanz und Kontrolle über das eigene Leben darstellt.

 

M.Lehmann-Pape 2013