Knaus 2011
Knaus 2011

Noam Shpancer – Der gute Psychologe

 

Sprachlich wunderbar, aber mit Längen

 

„Geistige Gesundheit ....... ist kein Ziel, sondern ein Prozess. Der davon handelt, wie man fährt, nicht, wohin man fährt“.

So beginnt der (namenlose) Protagonist des Buches eine seiner abendlichen Vorlesungen vor Studenten und mit dieser Grundhaltung geht er auch seiner therapeutischen Arbeit in seinem Spezialgebiet der Angststörungen.

 

Er, er sich zur Regel gemacht hat, nach 15 Uhr keine Patienten mehr zu betreuen und vor kurzem erstmalig eine Ausnahme der Regel geschaffen hat. Freitags um 16 Uhr behandelt er  eine Stripteasetänzerin, Angstpatientin, die in Panik ausbricht, wenn sie ihrem Beruf aktiv nachgehen soll. Das Eigentliche aber, was den „guten Psychologen“ in Bezug auf diese Patientin bei der Stange hält ist deren privater Hintergrund. Denn da gibt es etwas, ein Kind der Patientin, das ihn im tiefsten Innern aufwühlt und an seine eigene Lebens- und, vor allem, Liebesgeschichte erinnert.

 

Seine Liebe zu Nina, die nicht folgenlos blieb und dennoch unerreichbar im Raume steht. Nina, eine Kollegin, ist verheiratet mit einem sehr kranken Mann und wird diesen nie verlassen, hat daher auch ihre Romanze mit „dem guten Psychologen“ abgebrochen. Telefonieren darf er, schon, aber mehr nicht. Eine innere Spannung, die das geistige Gleichgewicht des „guten Psychologen“ aus der Balance bringen wird, trotz aller massiven Versuche seinerseits, die Kontrolle zu bewahren.

 

Ein Buch, dass wie ein psychologisches Fachbuch hinter der Fassade eines Romans daherkommt. Sprachlich hervorragend geschrieben, fachlich hoch fundiert, wunderbar erläutert in den psychotherapeutischen Elementen. Die „Nebentätigkeit“ mit seinen Studenten, die entsprechenden Kapitel sind ausgewachsene Vorlesungen der Psychotherapie an den Leser. Das therapeutische Geschehen um die Tänzerin zeugt ebenfalls vielfach von konkreter, therapeutischen Praxis (der Autor ist ja Therapeut mit Fachgebiet Angstpatienten).

 

Die persönliche Liebesgeschichte, auch hier sind Wendungen und innere Überlegungen bis fast ganz zum Schluss erkennbar, die eher therapeutischem Handeln denn dem wahren Leben entlehnt zu sein scheinen.

Zumindest mutet es völlig dem realen Leben fern an, wenn sich ein erotisch knisternder Abend mit der geliebten Frau in einem Hotel in einer anderen Stadt (bei dem die Zimmer der beiden nur wenige Schritte auseinander liegen), bei dem jene Frau ihre Liebe auch gar nicht in Abrede stellt und dann seine Hand vor seiner Hotelzimmertür auf ihren Busen legt, wenn sich ein solcher Abend den sich beherrschenden Ausgang sucht, dass beide je alleine ihr Zimmer aufsuchen. Das passt ins Buch ist aber dennoch einfach langweilig.

 

Diese Szene steht exemplarisch für den Nachteil des Buches. Zwar wird hier und da ein wenig (nur ein wenig) Spannung zwischen den Personen aufgebaut, diese aber letztlich nie wirklich aufgelöst. Alle wesentlichen Vorgänge laufen, wenn überhaupt, abstrakt beschreibbar im Inneren der Figuren ab und dies gestaltet die Lektüre des Buches einfach auch ein stückweit langweilig.

 

Sprachlich wunderbar, in sich logisch konzipiert, ein leises Buch, das langsam seine Geschichte erzählt, das aber letztlich Längen aufweist, unaufgelöste Spannungen und damit in Teilen auch zur gepflegten Langeweile führt.

 

M.Lehmann-Pape 2011