epubli 2011
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„Afghanistan, Srebrenica & zurück“
Zerschossenes Land, gebrochene Menschen & kaputte Typen
Norbert F. Schaaf´s aufrüttelnder Kriegsreporter-Roman über den Bürgerkrieg in Bosnien

Die Kriegsreporterin Anica Klingor folgt in Bosnien den verschiedenen Kriegsparteien einschließlich der UN-Soldaten, die vom Irrsinn dieses Bürgerkrieges ergriffen werden – wie nach und nach auch die Leserin und der Leser. Krieg bedeutet Zerstörung der Zivilisationen, nicht nur in dem umkämpften Land. Vor allem das Bewusstsein und die Physis der daran Beteiligten werden zerstört. Dies vermittelt ausführlich, manchmal düster und verwirrend wie die verschluchtete Topografie Bosniens der neue Roman des Autors über den Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina. Die unterschiedlichsten Schauplätze, Charaktere und Geschichten stürmen auf die Leserschaft ein und ziehen sie mit hinein in das Dickicht militärischer und journalistischer Aktionen. Denn es handelt sich um einen ausgesprochenen Kriegsreporter-Roman aus dem letzten Krieg, in dem sich Journalisten noch frei bewegen konnten und nicht „eingebettet“, also kontrolliert waren.
Erzählt wird die Geschichte des Bürgerkriegs aus wechselnden Blickwinkeln. Vornehmlich aus der Sicht dreier Frauenfiguren, für die es sämtlich authentische Vorbilder gibt: die Kriegsreporterin Anica, die Hubschrauberkampfpilotin Mary-Jo und die muslimische Kämpferin Lepa Brena.
Das Kriegsgeschehen wird auch immer aus Sicht und Einschätzung der am härtesten betroffenen Einheimischen beleuchtet. Ein weiterer Erzählstrang befasst sich mit ihrem Kollegen Paul, einem äußerlich abgebrühten Kriegsfotografen, der aber schließlich wie alle vom Krieg gepackt, traumatisiert und nicht mehr losgelassen wird.

„Afghanistan, Srebrenica & zurück“ ist ein ausgesprochener Antikriegsroman. Über den Kriegsverlauf und die Rolle, die neben den Militärs die CIA und der BND dabei gespielt haben, erfährt man in Schaafs Roman einiges, auch geht es ihm in der Hauptsache um die Auswirkungen auf die Gemüter aller Beteiligten und um das Wertesystem. Und hier ist es in jedem Fall überall katastrophal. Das wird in diesem Anti-Kriegsroman nicht behauptet, sondern vorgeführt, eindrucksvoll auch in den Dialogen der Soldaten im Einsatz, die ihren desolaten Zustand in ihrem Reden kommentarlos und unerbittlich offenbaren. „Afghanistan, Srebrenica & zurück“ ist somit kein verspätetes Buch über einen längst beendeten Krieg, sondern handelt von allen modernen Kriegen und ihren Folgen, auch die gegenwärtig geführten. Wie der Krieg in Afghanistan, aus dem die Kriegsreporterin direkt gekommen war und in den sie ebe nso direkt wieder zurückkehrt, weil sie sich keine Pause, kein Zur-Ruhe-Kommen gönnen will, scheint ihr doch die Gefahr viel zu groß, dass sie die erlebten Kriegsgräuel mental nicht verarbeiten kann.

Der Bürgerkrieg in Bosnien mit den Kampfeinsätzen der UN-Soldaten, mit der Granatenbeschuss der Zivilisten aller Bevölkerungsgruppen, mit Zwangsumsiedlungen, die ethnische Säuberung genannt wurden, und vor allem dem Massaker von Srebrenica ist kein abgeschlossenes Kapitel, auch wenn der Beginn des Bürgerkriegs, der seinerzeit den Balkan erfasste, nun 20 Jahre zurückliegt. Schaafs Kriegsreporter-Roman „Afghanistan, Srebrenica & zurück“ ist investigative Kriegsliteratur und – was wichtiger ist – aufklärerische Antikriegsliteratur auf bemerkenswerte, Herz beklemmende und Gemüt bestürzende Weise.

Dabei ist das Buch streckenweise durchaus ein Action-Thriller, Gefechte und Gefechtslärm sind nicht die Ausnahme. Der Autor befasst sich mit den Verwüstungen, die Konfliktentstehung, Kampfführung und Kriegsfolgen in den Köpfen der Beteiligten anrichten. Die traumatischen Verletzungen sind nicht die geringsten und bei vielen noch schwerer zu tilgen als die sichtbaren Wunden. Den Krieg werden sie nie mehr los.

Schaaf benutzt bisweilen eine harte und manchmal zarte Sprache, angemessen dem Kriegsgeschehen, wo es neben Kampfhandlungen auch Platz für die Liebe gibt der deutschen Kriegsreporterin und dem serbischen Frachtflieger Dragan. In der präzisen Schilderung und nuancierten Beobachtung porträtiert er die UN-Soldaten in ihrer All- und Ohnmacht, einheimische Kriegsteilnehmer in ihrer ethnischen Unterschiedlichkeit aus Serben, Kroaten und Bosniern, ihre gemeinsame furchtbare Traumatisierung, von der ein Teil nicht erst auf dem Kriegsschauplatz Balkan entstanden ist.

Welche Erlebnisse Gewöhnung an Krieg und Gewalt nach sich ziehen und welche strategische Funktion abgestumpfter Geist erfüllen soll, weiß man nicht erst seit den Kriegen von Korea über Vietnam bis Irak, aber nach diesem Buch noch eindringlicher von der Kriegsreporterin Anica, die sich jederzeit gegen die Entmenschlichung des Kriegs stemmt, vereinzelt auch durch kämpferisches Verhalten, das über die reine Kriegsberichterstattung hinausgeht.

Der Kriegsreporter „Afghanistan, Srebrenica & zurück“ sorgt dafür, dass die Thematik Krieg niemals aus dem Blickfeld gerät. Und manche Kriege nehmen die Aufmerksamkeit länger gefangen als andere – etwa weil die Gegner so ungleich waren, die Folgen bis in die Gegenwart fortdauern oder die Kriegseinsätze unserer Tage seltsame und verstörende Parallelen zu Konflikten von vor sechzig Jahren aufweisen.

 

M.Rauscher 2011